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Crack, Fentanyl, Nitazene: In Deutschland breiten sich gefährliche Drogen immer weiter aus, und ihr Konsum wird zunehmend öffentlich. Warum ist das so? Und wie kann man Suchtkranken helfen und mit den offenen Drogenszenen umgehen? Ein Vortrag des Suchtforschers Daniel Deimel.

Wer Daniel Deimel über die offenen Drogenszenen in Deutschland sprechen hört, merkt schnell: Er hört zu. Er spricht nicht nur über Betroffene der aktuellen Drogenkrise, sondern auch mit ihnen – mit Konsument*innen ebenso wie mit Helfer*innen, Anwohner*innen und anderen Menschen, die mit den Folgen des Drogenmarkts leben müssen. Sein Ziel ist Verständnis, um Lösungen zu finden.

Mehr gefährliche Drogen, mehr öffentlicher Konsum

Und Lösungen sind nötig: Die offene Drogenszene in deutschen Innenstädten hat sich in den vergangenen Monaten und Jahren deutlich verändert. Crack wird immer häufiger konsumiert und hat Heroin in der offenen Szene vielerorts abgelöst.

Daniel Deimel ist Sozialarbeiter, Suchttherapeut und Professor für Gesundheitsförderung und Prävention in der Fakultät Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Nürnberg.
© Deutschlandfunk Nova
Det Suchtforscher Daniel Deimel im Deutschlandfunk-Nova-Studio

Gleichzeitig drängen zunehmend synthetisch hergestellte Opioide auf den Markt. Auch der Konsum im öffentlichen Raum hat stark zugenommen. Damit wächst der Streit darüber, wie mit offenen Drogenszenen umzugehen ist – und wie man suchtkranken Menschen wirksam helfen kann.

Warum neue Konzepte nötig sind

In seinem Vortrag erklärt Daniel Deimel, warum sich diese Drogen so stark ausbreiten. Politische Entwicklungen und die Reaktion der Drogen-Mafias darauf spielen dabei eine Rolle.

Er beschreibt außerdem, wie Crack und andere Substanzen wirken. Denn ihre Effekte sind nicht nur besonders gefährlich, sondern prägen auch die Dynamik in offenen Drogenszenen – und damit die Möglichkeiten der Hilfe.

"Diese Menschen, um die es hier geht, die sind wohnungslos, die sind suchterkrankt und die sind psychisch krank."
Daniel Deimel, Soziologe und Suchtforscher

Um sinnvolle Maßnahmen zu entwickeln, müsse man zunächst verstehen, wie sich das Leben der Menschen in der offenen Szene verändert hat. Dafür hat Daniel Deimel gemeinsam mit weiteren Forschenden Drogenkonsument*innen in offenen Szenen deutscher Städte befragt. Die Studie und ihre Ergebnisse stellt er ebenfalls vor und gibt so Einblicke in die Lebenssituation der Betroffenen.

Im Rahmen dieser Studie haben Drogenabhängige übrigens auch selbst Fotos ihres Lebensraums gemacht. Hier seht ihr eine Auswahl der Bilder und einige Zitate der Befragten aus dem Projekt:

"Das Hilfesystem war bisher sehr auf Heroinkonsumenten ausgerichtet. Jetzt haben wir eine andere Struktur mit anderen Bedürfnissen, die mit Crack-Konsum einhergehen."
Daniel Deimel, Soziologe und Suchtforscher

Aus diesen Befunden leitet Daniel Deimel ab, warum unter den neuen Bedingungen auch neue Konzepte in Suchthilfe und Drogenpolitik nötig sind. Heroin und Crack verursachen sehr unterschiedliche Konsummuster und Probleme – deshalb greifen bisherige, auf Heroin ausgerichtete Hilfsangebote oft nicht mehr.

Drogenkrise: Ursachen, zentrale Probleme und Lösungen

Auch Wohnungslosigkeit sei ein zentraler Teil des Problems. Deshalb, so der Suchtforscher, müssten Hilfen besser zusammengedacht, stärker vernetzt und durch strukturelle und konzeptionelle Änderungen erleichtert werden.

"Wir brauchen eine deutlich bessere Verzahnung von Hilfen, die aus der Wohnungslosenhilfe, aus der Suchthilfe und aus der Sozialpsychiatrie zusammengedacht werden."
Daniel Deimel, Soziologe und Suchtforscher

Ein Blick in andere Länder kann ebenfalls helfen, findet Daniel Deimel – etwa in die Schweiz. Dort gibt es Kontakt- und Anlaufstellen, in denen Drogenabhängige länger bleiben können und sogenannter Mikrohandel unter Konsumierenden innerhalb der Einrichtungen pragmatisch toleriert wird.

Im öffentlichen Raum dagegen gilt eine strenge Null-Toleranz-Politik beim Drogenhandel. Das Ergebnis, so Daniel Deimel: In Zürich sei die offene Drogenszene dadurch weitgehend aufgelöst worden.

"Wir müssen bereit sein, neue Wege zu gehen. Nur dann kommen wir zu Lösungen."
Daniel Deimel, Soziologe und Suchtforscher

Ein einfaches Rezept gebe es trotzdem nicht. Offene Drogenszenen seien immer auch ortsabhängig. Klar sei für ihn aber, dass Suchthilfe und Drogenpolitik umdenken und neue Wege wagen müssen.

"Wir kommen nur zu Lösungen, wenn wir sowohl den Betroffenen gut weiterhelfen, aber eben auch schauen, welche Ansätze es in den Sozialräumen braucht, um diesen Konfliktlinien zwischen Mehrheitsgesellschaft und vulnerablen Randgruppen vernünftig begegnen zu können."
Daniel Deimel, Soziologe und Suchtforscher

Daniel Deimel ist Sozialarbeiter, Suchttherapeut und Professor für Gesundheitsförderung und Prävention in der Fakultät Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Nürnberg. Außerdem ist er noch Gastwissenschaftler in der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin der LVR-Klinik Essen und der Universität Duisburg-Essen. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der sozialwissenschaftlichen Sucht- und HIV-Forschung.

Seinen Vortrag hat er am 11. März 2026 im Deutschlandfunk-Nova-Studio gehalten.

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Hier findest du eine Übersicht zu Hilfsangeboten bei Suchtproblemen.
Hier findest du eine Übersicht zu Hilfsangeboten bei psychischen Problemen.

Shownotes
Drogenpolitik
Neue Wege im Umgang mit der offenen Drogenszene
vom 24. April 2026
Moderation: 
Katrin Ohlendorf
Vortragender: 
Daniel Deimel, Sozialarbeiter, Suchttherapeut und Professor für Gesundheitsförderung und in der Fakultät Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Nürnberg
  • Vortragsbeginn - Einleitung
  • Struktur des Vortrags
  • Definition "Offene Drogenszene"
  • Entwicklungen in den offenen Drogenszenen
  • Der Unterschied zwischen Crack und Heroin
  • Folgen des Drogenkonsums
  • Gründe für den Vormarsch von Crack
  • Fentanyl, Nitazene und Co.: Synthetische Opioide als neue Gefahr
  • Die Situation der Menschen in offenen Drogenszenen
  • Studienergebnisse zu offenen Drogenszenen: Einblicke in Lebenslagen, Konsum und Nutzung von Hilfsangeboten
  • Obdachlosigkeit als Treiber der Crack-Krise
  • Fazit: Was könnte helfen?
  • Best-Practice-Beispiel Schweiz: das Zürcher Modell
  • Schlussworte
Quellen aus der Folge:
  • Deimel, Daniel; Ferl, L.; Gille, C.; Mühlen, A.; van Rießen, A.; Schmitz, H.; Scholten, L.: Offene Drogenszenen in NRW 2024. Einblicke in Lebenslagen, Konsum und Nutzung von Hilfsangeboten in Düsseldorf, Essen, Köln und Münster. Pabst Science Publishers, 2025. Digital Open Access.
  • akzept e.V. Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik (Hrsg.): Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Crack-Konsum im Kontext der Drogen- und Suchthilfe – ein Update Januar 2025. Berlin, Januar 2025.
  • Deimel, Daniel; Lukas, Tim Lukas; Tackenberg, Bo; Walter, Lucie (2024): (Über)Leben im Risikoumfeld. Broschüre zum Ausstellungsprojekt: ÜberLeben im Risikoumfeld: Kartographie und Autofotografie von Drogenkonsument*innen der Drogenszene am Kölner Neumarkt.
  • Rhodes, Tim. (2002): The 'risk environment': A framework for understanding and reducing drug-related harm. International Journal of Drug Policy - INT J DRUG POLICY. 13. 85-94.
  • Rhodes, Tim. (2009): Risk Environments and Drug Harms: A Social Science for Harm Reduction Approach. The International journal on drug policy. 20. 193-201.
  • Deimel, Daniel, Feldmann, L., Scherbaum, N., Firk, C., & Fleißner, S. (2025). Characteristics, crack use, housing situation and psychosocial problems of people in the open drug scene in cologne, Germany - Results of a cross-sectional survey. Harm Reduction Journal, 22(1), 96.
  • Deimel, Daniel, Ferl, L., Mühlen, A., Schmitz, H., Scholten, L., Daniel-Ajuzie, F., Riessen, A. van, & Gille, C. (2025). Substanzkonsum, gesundheitliche Situation und psychosozialer Unterstützungsbedarf von Menschen in offenen Drogenszenen. Suchttherapie, 26(03), 133–141.
  • Fleißner, S., Steimle, L., Stöver, H., Werse, B., & Deimel, Daniel (2025). Aktuelle Situation in offenen Drogenszenen und Einfluss sich verändernder Drogenmärkte. Suchttherapie, 26(03), 118–123.
  • Deimel, Daniel (2024). Zur aktuellen Situation in offenen Drogenszenen: Der perfekte Sturm. In: Akzept e.V. (Hrsg.) 11. Alternativer Drogen- und Suchtbericht. S. 58-64. Lengerich: Pabst Science Publishers.
  • Zu Kokainproduktion: UNODC: World Drug Report 2025.
  • Zu Opiumproduktion in Afghanistan: Transform Drug Policy Foundation
  • Zu Opiumproduktion in Afghanistan: EUDA; Understanding the impact of the Taliban drug ban: situational analysis of Afghanistan to inform EU policymakers.
  • Zu Folgen des Crack-Konsums: American Addiction Centers (2024).
  • Zu Folgen des Crack-Konsums: Haasen, C., Prinzleve, M., Zurhold, H., Schmolke, R., & Ilse, J. (2002). Körperliche und psychische Folgen des Kokain- und Crackkonsums. Suchttherapie, 3(1), 2–7.
  • Zu Synthetischen Opioiden: Holland, A., Copeland, C. S., Shorter, G. W., Connolly, D. J., Wiseman, A., Mooney, J., Fenton, K., & Harris, M. (2024). Nitazenes—Heralding a second wave for the UK drug-related death crisis? The Lancet Public Health, 9(2), e71–e72.
  • Zu Synthetischen Opioiden: Montanari, E., Madeo, G., Pichini, S., Busardò, F. P., & Carlier, J. (2022). Acute Intoxications and Fatalities Associated WithBenzimidazole Opioid (Nitazene Analog) Use: A Systematic Review. Therapeutic Drug Monitoring, 44(4), 494.
  • Definitionen zur offenen Drogenszene, zur Drogenszene als Risikoumfeld, zum Ansatz der Syndemie-Produktion (Grundlage für Deimels Forschungen):
  • Curtis, R., Wendel, T., & Jay, J. (2000). Toward the Development of a Typology of Illegal Drug Markets. Crime Prevention Studies,10(11), 121–152.
  • Singer, M. (2014). The Infectious Disease Syndemics of Crack Cocaine. Journal of Equity in Health, 3(1), 32–44.
  • Singer, M., Bulled, N., Ostrach, B., & Mendenhall, E. (2017). Syndemics and the biosocial conception of health. Lancet, 389(10072), 941–950.
  • Singer, M. (2009) Introduction to Syndemics: A Critical Systems Approach to Public and Community Health. San Fransisco: Jossey-Bass.