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Der deutsche Staat könnte knapp zehn Milliarden Euro pro Jahr einnehmen, wenn die steuerliche Begünstigung von Kryptowährungen aufgehoben würde. Aktuell profitiert der Kryptomarkt von einer kompletten Steuerbefreiung nach einem Jahr Haltefrist.

Millionen Menschen in Deutschland traden Kryptowährungen, viele machen Gewinne. Doch anders als Aktien profitieren Kryptoinvestments von einem enormen Steuerprivileg. Nach einem Jahr sind Gewinne mit Bitcoin und Co. bislang steuerfrei.

Der zentrale Unterschied liegt im Steuerrecht. Kryptowährungen gelten in Deutschland nicht als Kapitalanlage wie Aktien, sondern als "andere Wirtschaftsgüter". Das hat eine entscheidende Folge: Wer Kryptowährungen länger als ein Jahr hält, zahlt beim Verkauf keine Steuern auf den Gewinn. Bei Aktiengeschäften ist das anders. Hier gibt es keine Steuerfreiheit nach einem Jahr.

Großzügige Steuerausnahmen bei Kryptoinvestments

Die Sonderbehandlung von Kryptoinvestments war einer Annahme geschuldet, die überholt scheint. Lange Zeit wurde Krypto als eine Art digitales Gold betrachtet. Als ein Wertspeicher, der auch als Zahlungsmittel verwendet werden könnte. Anders als bei Aktien, so die Argumentation damals, würden Kryptowährungen nicht primär als Finanzinvestment genutzt werden. Und wenn, dann würde die einjährige Haltefrist den spekulativen Teil dieser Investments unattraktiv machen.

Die rechtliche Grundlage hierfür basiert auf einem Schreiben des Bundesfinanzministeriums aus dem Jahr 2022. In dem Schreiben an alle obersten Finanzbehörden der Bundesländer schildert das Bundesministerium, damals unter der Leitung von FDP-Politiker Christian Lindner, wie es virtuelle Währungen steuerrechtlich interpretiert. Mit der Einstufung von Kryptowährungen als private Veräußerungsgeschäfte legte das Ministerium die Grundlage dafür, dass Kryptogewinne nach einem Jahr komplett steuerfrei sind.

Wie viel Geld mit Kryptoinvestments gemacht wird

Kryptogewinne werden in der Steuererklärung nicht gesondert ausgewiesen. Automatische Meldungen wie bei Aktiengeschäften gibt es bisher nicht. Das ändert sich zwar durch die Umsetzung einer neuen OECD-Richtlinie (DAC 8). Trotzdem waren Kryptowährungen als Anlageklasse lange eine Wundertüte für die deutschen Steuerbehörden.

Auch aus diesem Grund wissen die Steuerbehörden oft nicht, wie viel Geld jährlich mit Kryptoinvestments umgesetzt wird. Einen besseren Einblick liefern Daten aus der Branche. Florian Wimmer, Geschäftsführer der Kryptosteuersoftware Blockpit, wertet mit seiner Firma anonymisierte Nutzerdaten aus. "Wir haben aktuell knapp eine halbe Million Nutzer, davon sind knapp 60 Prozent aus Deutschland. Die Datenqualität orientiert sich an den Daten, die die Nutzer auch einspielen. Die verknüpfen ihre Börsen, ihre Wallets mit der Software. Daraus wird die Transaktionshistorie abgelesen und wir können grundsätzlich anonymisiert alle Daten verwenden für genau diese wissenschaftlichen Zwecke", sagt er.

"Was wir für unsere Studie verwendet haben, sind 10.500 Nutzer, die tatsächlich zahlende Nutzer sind."
Florian Wimmer, CEO der Kryptosteuersoftware Blockpit 

Blockpit erstellt jährlich eine Studie, die die Gewinne mit Kryptogeschäften in Deutschland auf Basis seiner eigenen Nutzer*innen schätzt. Für 2024 geht die Blockpit-Studie von Kryptogewinnen in Höhe von 47,3 Milliarden Euro aus.

Große Dunkelziffer bei der Besteuerung 

Mit dieser Summe lässt sich auch schätzen, welchen Effekt die Sonderbehandlung von Kryptogewinnen für den Staatshaushalt hat. Würde der Staat Kryptogewinne nicht mit dem Privileg einer Steuerbefreiung nach einem Jahr ausstatten, wären Milliardeneinnahmen möglich.

Diese Rechnung stellt der Frankfurter Ökonom Co-Pierre Georg auf. Er ist Professor an der Frankfurt School of Finance und Direktor des dortigen Blockchain-Centers. In einer exklusiven Rechnung für What the Wirtschaft hat er die Kryptolücke im deutschen Steuersystem beziffert. Er kommt auf einen zweistelligen Milliardenbetrag.

"Ich halte zehn Milliarden Euro für eine realistische Größenordnung an Steuereinnahmen, wenn man auf die Haltefrist bei der Kryptobesteuerung verzichten würde."
Co-Pierre Georg, Frankfurt School of Finance 

Auf seiner Website Kryptoluecke.de diskutiert Co-Pierre Georg verschiedene Steuer-Szenarien.

Arbeit, Aktien, Krypto: Ungleichheit im Steuersystem

Für Ökonom Co-Pierre Georg ist die Besteuerung dabei nicht nur ein fiskalisches Thema, sondern vor allem eine Frage der Fairness. Während Arbeitseinkommen in Deutschland hoch besteuert wird und Kapitalerträge aus Aktien, Mieten, Zinsen zuverlässig erfasst und besteuert werden, können Kryptogewinne nach einem Jahr steuerfrei sein. Das sei eine Ungleichheitsbehandlung, die schwer zu rechtfertigen sei.

Ohnehin passe die steuerliche Einordnung von Krypto nicht zur Realität am Finanzmarkt. Kryptowährungen verhielten sich in Krisen eben nicht wie langlebige Wertspeicher, sondern eher wie riskante Tech-Werte. Trotzdem profitiere die Anlageklasse weiter von Regeln, die eher zu Gold oder Immobilien passten.

Trotz dieser Kritik wird die Sonderbehandlung politisch verteidigt – häufig mit dem Argument, Deutschland sei mit der Haltefrist besonders attraktiv für die Kryptobranche.

Seit diesem Jahr gibt es aber einen ersten Schritt in Richtung Reform: Durch neue internationale Meldepflichten sollen deutlich mehr Informationen bei den Behörden landen. Dadurch könnte es für viele schwieriger werden, Kryptogewinne "zu vergessen". Weiter offen ist, ob dann aber eine grundsätzliche Neueinschätzung der "Anlageklasse Krypto" durch die Bundesregierung folgt.

Podcast-Tipp

Wir empfehlen euch "11KM: der tagesschau-Podcast".

Habt ihr auch manchmal einen WTF-Moment, wenn es um Wirtschaft und Finanzen geht? Wir freuen uns über eure Themenvorschläge und Feedback an whatthewirtschaft@deutschlandfunknova.de.

Shownotes
Bitcoin und Finanzamt
Wie der Staat Krypto-Besitzer bevorzugt
vom 26. Februar 2026
Hosts und Autor*innen: 
Marcus Wolf und Bo Hyun Kim
Gesprächspartner: 
Co-Pierre Georg, Frankfurt School of Finance, Direktor Blockchain-Center
Gesprächspartner: 
Florian Wimmer, CEO der Krypto-Steuersoftware Blockpit
Gesprächspartner: 
Marvin Schulz, CDU-Bundestagsabgeordneter
Redaktion: 
Anne Göbel und Michael Böddeker
Produktion: 
Andi Fulford
  • Kryptowährungen und Steuern: Was geht dem Staat durch die Lappen?
  • Woher kommt diese Regelung für Kryptogewinne?
  • Welche Regeln für Krypto wären sinnvoll?
  • Fazit / Wahres für Bares
Die Quellen zur Folge: