Wenn Kolleginnen in Jobmeetings auf Gesagtes nonverbal reagieren, entgeht das Menschen mit Sehbehinderungen. Eine Künstliche Intelligenz soll ihnen das erfahrbar machen.

Kommunikation geschieht auf mehreren Ebenen. Bei Konferenz oder Verhandlungen gibt es viele nonverbale Reaktionen. Manche hören vielleicht interessiert zu, nicken, andere verdrehen vielleicht die Augen, werfen sich gegenseitig Blicke zu oder schauen gelangweilt aus dem Fenster.

Die angehende Journalistin Nina Odenius ist von Geburt an blind, sie fragt sich, welche Informationen ihr beispielsweise im Joballtag entgehen, wenn sich andere in Gesprächen nonverbal austauschen.

"In einer Diskussion mit mehren Leuten, kann dir nicht jeder erzählen, wie er das grade findet, da läuft ganz viel nonverbal ab: Blicke, Zeichensprache. Ich fände es spannend, herauszufinden: Was entgeht mir eigentlich."
Nina Odenius, ist von Geburt an blind

Ein Team von der Johannes-Kepler-Universität Linz forscht zurzeit daran, wie Kommunikation in Gruppen für Menschen mit einer Sehbehinderung erfahrbar gemacht werden können.

Das länderübergreifende Projekt, an dem Forschende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt sind, arbeitet derzeit an einem Assistenzsystem, dass auf Künstlicher Intelligenz beruht.

"'Sonja lächelt', 'Tobi schaut verwirrt“, 'Mona steht auf und verlässt den Raum' – solche einfachen aber vielsagenden Zusatzinformationen sollen blinde Menschen künftig dezent in Meetings und Koferenzen mitgeteilt bekommen."
Anika Reker, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Mithilfe von Kameras und Sensoren im Raum sollen menschliche Mimiken und Gestiken in Echtzeit aufgezeichnet, ausgewertet und übersetzt werden. Die gewonnenen Informationen werden dann an ein mobiles Endgerät der Nutzerinnen weitergeleitet. Das kann ein Kopfhörer sein, der die Daten akustisch mitteilt oder ein Braille-Ausgabegerät, welches die Informationen in Blindenschrift übermittelt.

Größte Herausforderung: Assistenzsystem soll nicht überfordern

Die Algorithmen für die Künstliche Intelligenz seien noch nicht ganz ausgereift, aber auf einem guten Weg, sagt Reinhard Koutny, einer der Forschenden des Linzer Teams. Eine der größten Herausforderungen bestehe für ihn darin, dass das Assistenzsystem die Nutzer und Nutzerinnen später nicht überfordere.

"Wenn da 20 Leute sitzen und nur zwei reagieren, dann muss der mir nicht sagen: 'Die restlichen 18 bohren in der Nase oder gucken aus dem Fenster." Das heißt natürlich auch etwas, aber es wäre schon gut, wenn man das selektieren könnte."
Nina Odenius, von Geburt an blind

Um die nonverbale Informationsflut im Raum besser zu sortieren, gibt es bereits verschiedene Ideen und Ansätze. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen, sagt Reinhard Koutny, eventuell einzelne Info-Kanäle abonnieren oder durch aktive Zeigegesten abfragen können, was links oder rechts von ihnen gerade passiert oder wer dort sitzt.

Die erste Reaktion ist fast immer nonverbal

In den kommenden Wochen sollen blinde Probanden das Konzept praktisch testen. Bisher wurden die Anwendungen nur in einer virtuellen Umgebung ausprobiert, sagt Bernhard Stöger, einer der Forschenden der Johannes-Kepler-Universität Linz.

Bernhard Stöger ist bisher der einzige blinde wissenschaftliche Mitarbeiter an dem Linzer Institut, an dem das Forschungsprojekt durchgeführt wird. Für ihn hat das Projekt nicht nur das Potenzial, in Meetings eine bessere Orientierung zu geben, es könne auch nie da gewesene Chancen für Sehbehinderte auf dem Arbeitsmarkt ermöglichen.

Denn es sei kein Zufall, dass in den Chefetagen fast nur Menschen sitzen, die die nonverbalen Signale um sich herum mitbekommen, sagt er. Vor allem für Verhandlungen hält die Möglichkeit, nonverbale Signale mitzubekommen für sehr wichtig.

Bis der Algorithmus ausgereift ist und die Künstliche Intelligenz im Alltag genutzt werden kann, werden aber mindestens noch drei bis vier Jahre vergehen, schätzt der Wissenschaftler.

"Jeder Fortschritt ist bereits ein gewaltiger Erfolg: Beispielsweise, wenn in drei bis vier Jahren ein marktreifes Produkt da ist oder wir eine Firma motivieren und mit Know-how ausstatten."
Bernhard Stöger, Forscher Johannes-Kepler-Universität Linz