Steigender Meeresspiegel, stärkere Regenfälle: Der Klimawandel erfordert auch ein Umdenken beim Küstenschutz. Denn einfach immer höhere Deiche bauen – das funktioniert nicht. Das Forschungsprojekt "Gute Küste" an der Nordsee sucht nach neuen Wegen, um die Küste zu schützen.

Der Jadebusen ist eine Meeresbucht im Wattenmeer – mit einer Fläche von 190 Quadratkilometern. An ihr entlang erstreckt sich der Deich: ein unendlich langer Erdwall, der die Küste vor Fluten bewahren soll. Die Nordseeküste ohne Deich? Für Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs kaum vorstellbar.

Seit 1.000 Jahren Deichbau

Doch es gab auch eine Zeit ohne Deich: Damals schütteten die Menschen kleine Erdhügel auf, Warften oder Wurten, um sich und ihre Häuser vor den Fluten zu schützen. Vor 1.000 Jahren etwa wurde dann mit dem Deichbau begonnen. Deiche wurden immer höher und breiter und gelten heute als sicher.

Die letzte katastrophale Überschwemmung an der deutschen Nordseeküste war 1962, berichtet unsere Reporterin. Als Konsequenz wurden die Deiche noch einmal höher gebaut. Doch mit den sich wandelnden Klimabedingungen ist das kein Lösungsansatz für die Zukunft.

"Wir verfolgen einen Building-with-nature-Ansatz. Angesichts von Meeresspiegelanstieg und Klimawandel können wir die Deiche nicht einfach immer höher bauen."
Jan Visscher, Küstenbauingenieur

Mit dem Bau des Hafens Jade-Weser-Port im Jahr 2012 wurde tief in die Ökosysteme am Jadebusen eingegriffen. Solche Eingriffe müssen laut Bundesrecht mit einer Naturschutzmaßnahme kompensiert werden. Deshalb wurde das eingedeichte Land am Langwarder Groden renaturalisiert. Das Ergebnis: Eine Salzwiese, auf der besondere Pflanzen wachsen, Robben leben und seltene Vögel ihr Futter finden.

Wie Naturschutz und Küstenbefestigung an der Nordsee zukünftig aber von Anfang an besser zusammengehen können, erforscht das Projekt "Gute Küste". Der Ansatz: Deiche nicht immer höher bauen, sondern nach Möglichkeiten suchen, die sich mithilfe der Natur umsetzen lassen.

Evke Schulte-Güstenberg und Jan Visscher vom Forschungsprojekt ‚Gute Küste‘ am Langwarder Groden
© Deutschlandfunk Nova
Evke Schulte-Güstenberg und Jan Visscher am Langwarder Groden

Der Versuch: Deiche ganz wegnehmen. Denn die sind nicht nur teuer, sondern versperren manchmal auch die Sicht auf smartere Lösungen, sagt Küstenbau-Ingenieur Jan Visscher mit einem Augenzwinkern. Zusammen mit Geografin und Landschaftsarchitektin Evke Schulte-Güstenberg und etwa 30 anderen Forschenden an drei niedersächsischen Unis erkundet er, wie eine „gute Küste“ in Zeiten des Klimawandels aussehen könnte.

Gemeinsam überlegen sie etwa, welche Strömungen der Nordsee sich nutzen lassen, um Sand und Sedimente anzuspülen, um die Küste zu befestigen. Oder was außer Gras noch auf Deichen wachsen könnte, um die Artenvielfalt zu unterstützen und wie Küstenschutz auch ohne große starre Bauwerke auskommen könnte.

"Die Erfahrungen zeigen uns: Ohne die Deiche könnten wir einen ganz anderen Horizont erleben."
Jan Visscher, Küstenbauingenieur

Als 2014 die Bagger anrückten, um fast einen Kilometer Deich wegzuschaffen, wurde der Weg aufs Land für die Nordsee frei. Seitdem entwickelt sich am Langwarder Groden eine Salzwiese – ein Biotop, das bei Flut unter Wasser steht und bei Ebbe trockenfällt – Brutgebiet für Seevögel und Nährboden für Pflanzen, die Salzwasser vertragen deutlich artenreicher als die Weide, die es hier früher gab. Ob und wie genau so eine Salzwiese die Küste auch vor Erosion schützt, wird noch erforscht.

Anfangs war der Widerstand der Bevölkerung gegen die Deichöffnung groß. Doch das Projekt "Gute Küste" leistet auch Aufklärungsarbeit und will Vertrauen schaffen in einen Küstenschutz, der mit der Natur funktioniert und bei dem nicht alles bleiben kann, wie es ist.