Im Sommer fahren viele von uns auf Festivals oder an den See. Dass wir in die Oper gehen oder eine Ausstellung im Museum besuchen, ist bei einigen von uns eher selten der Fall. Das liegt aber nicht daran, dass wir nicht genug Zeit oder Geld haben, sagt der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle.

Kulturwissenschaftler Martin Tröndle nennt sie Nichtbesucher – diejenigen von uns, die eher nicht ins Theater oder ins Museum gehen. Er hat eine Studie durchgeführt und ein Buch darüber geschrieben, wieso wir eher auf einen Festival fahren, um dort für 80 Euro drei Tage im Regen auf einer matschigen Wiese herumzustehen.

"Wenn man jetzt tatsächlich in die Daten schaut, dann sieht man, dass "kein Geld" und "keine Zeit" überhaupt gar keine Hinderungsgründe sind. Im Gegenteil, die 'Nichtbesucher' verfügen sogar über mehr Freizeit als die Besucher – das ist das Verrückte."
Martin Tröndle, Kulturwissenschaftler

Es geht gar nicht um Zeit und Geld, sondern um Wertigkeit, sagt der Kulturwissenschaftler. Davon abgesehen, gibt es verschiedene psychologische, soziologische und praktische Gründe, sagt Martin Tröndle. 96 Prozent der Befragten haben beispielsweise gesagt, dass sie nur auf eine Kulturveranstaltung gehen wollen, wenn sie jemanden haben, der sie begleitet.

Relevant ist, worüber Freunde reden

Besonders wichtig sei dabei, welche Musik man selbst und die eigenen Freunde bevorzugen. Wenn beispielsweise im Freundeskreis nicht über Opern, Konzerte oder Musiktheater gesprochen werden würde, dann sei das auch für einen selbst weniger relevant. Aber es gebe noch mehr Faktoren, die dazu beitragen, warum wir bestimmte Kultureinrichtungen nicht besuchen.

"Es ist ein bunter Mix aus praktischen, ästhetischen, formalen Kriterien, Bildungsaspekten, dem Elternhaus. Man kann die Gründe dafür nicht einer einzigen Gruppe zuschreiben, das wäre einfach verkürzt."
Martin Tröndle, Kulturwissenschaftler

Für seine Studie hat der Kulturwissenschaftler Menschen, die normalerweise nicht ins Theater oder in die Oper gehen, in Berlin zu einem Besuch in die Deutsche Oper, die Schaubühne und die Neuköllner Oper eingeladen. Das hat er getan, um anschließend abfragen zu können, ob die Erfahrungen, die die Befragten dabei gemacht haben, mit ihren Erwartungen übereinstimmen oder nicht.

Wichtig: Emotionales Gruppenerlebnis

Martin Tröndle sagt, dass allen wichtig gewesen sei, beim Theater- oder Opernbesuch etwas Besonderes zu erleben. Sie wollten das Gefühl haben, emotional dabei zu sein und in der Pause wollten sie den Eindruck haben, dass sie eine gemeinsame Gruppe zusammen mit den anderen Theaterbesuchern bilden. Sie wollten das Gefühl haben, dass sie dazugehören, erklärt Martin Tröndle.

Ergebnis der Studie: Nähe zum Publikum herstellen

Bisher verwenden Kultureinrichtungen mehr Energie darauf zu überlegen, wie sie ein Stück am besten inszenieren, welche Ausstellung thematisch am besten zum Haus passt oder welchen Künstler sie einladen, sagt der Kulturwissenschaftler. Bei der Planung von Kulturveranstaltungen gehe es hauptsächlich um künstlerische und thematische Fragen. Er empfiehlt, dass sich die Veranstalter eher fragen sollten, für welches Zielpublikum sie ein Event planen. Und dass sie sich außerdem fragen sollten, wie sie es schaffen können, dass diese Leute auch kommen.