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Warum sind Deutsche ganz anders drauf als Briten? Und warum verstehen sich Briten und Amerikaner trotz ihrer fast gemeinsamen Sprache nicht richtig? Kulturen sind wie Religionen, erklärt Hans-Dieter Gelfert. Sie sind Jahrhunderte alt und in der jeweiligen Nation tief verankert. Der Forscher spricht von einer Prägekraft, die der jeweils andere nur schwer verstehen könne.

Nach Ansicht des Kulturforschers Hans-Dieter Gelfert sind die US-Amerikaner bis heute von den Pilgervätern geprägt, die 1620 mit der "Mayflower" ins Land kamen. Ein unerschütterlicher "Prädestinationsglaube" sei in dieser Zeit mit von Bord gegangen. Und der besage, entweder gehöre ein US-Amerikaner zu Gottes Auserwählten oder eben nicht. Heute sei das - fern der ursprünglichen Religion - in ein Wettbewerbsdenken übergegangen, das seinesgleichen suche, so Gelfert. Ein US-Amerikaner dürfe schließlich zehn Mal pleite gehen, ehe er beim elften Versuch doch noch Erfolg haben könnte - ein Indiz für die Auserwähltheit im göttlichen Sinne.

"Ich kenne keine Gesellschaft, in der Wettbewerb so tief in die DNA der ganzen Nation eingesunken ist."
Hans-Dieter Gelfert, Kulturforscher über die USA

Und warum haben die Briten für den Brexit gestimmt? Ausgerechnet die Nation, die doch für den Common Sense bekannt ist? Gelfert erläutert, Großbritannien mit seinem ersten Parlament der Welt habe sich immer als "Zünglein an der Waage" betrachtet und somit als kriegsentscheidend. Dass nun Brüssel für die Briten dauerhaft das Zünglein sein soll - so Gelferts These - passe nicht in dieses kulturelle Denken.

"Plötzlich hatten die Briten das Gefühl, in einer der Waagschalen zu sitzen."
Hans-Dieter Gelfert, Kulturforscher, erklärt den Brexit

Die Deutschen gelten als tüchtig: Sie wischen sich den Schweiß von der Stirn, was sich ein britischer Gentleman niemals anmerken lassen darf. Für Deutsche ist harte Arbeit mit sichtbaren Folgen ein Ehrenzeichen, der Gentleman jedoch zeigt "never ever" wie anstrengend sein Leben ist.

"Tüchtigkeit ist ein deutsches Lobeswort, das keinerlei Einschränkung impliziert."
Hans-Dieter Gelfert, Kulturforscher

Hans-Dieter Gelfert ist ein emeritierter Wissenschaftler für englische Literatur an der Freien Universität Berlin. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2000 lebt er als freier Autor und befasst sich mit den kulturellen Unterschieden zwischen Deutschland und dem englischsprachigen Raum. Sein Vortrag am 26. August 2019 an der Berliner Sommeruni trug den Titel "Das Feste im Flüssigen - wie und warum sich bestimmte nationaltypische Einheiten der Kultur in Deutschland, England und Amerika ausbildeten". Veranstalter waren die Berliner Akademie für weiterbildende Studien und die Universität der Künste.