Die Lage an der belarussisch-polnischen Grenze ist weiterhin schwierig. Während es immer kälter wird, erkranken Migrant*innen. Unter anderem ist eine Covid-Infektion bekannt. Tausende warten auf den Zutritt in die Europäische Union (EU).

Nach Angaben des polnischen Grenzschutzes soll eine Gruppe von rund 100 Personen versucht haben, den Grenzzaun zu überwinden. Da keine Journalistinnen und Journalisten in dem Gebiet zugelassen sind, lassen sich die Angaben nicht überprüfen.

Geflüchtete, vor allem Bürger*innen aus Afghanistan und Syrien, dem Irak oder Iran, wollen über die EU-Außengrenze zwischen Polen und Belarus in die EU migrieren. Die EU beschuldigt den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, die Menschen gezielt einzufliegen – als Druckmittel, um die Sanktionen gegen sein Land zu lockern. Die Regierung des Landes weist das zurück.

Notunterkunft nahe der Grenze eingerichtet

"Früher hat Belarus die Grenze für Europa verteidigt. Wir lassen niemanden durch. Aber wir haben nicht vor, die Grenze für irgendjemanden zu schützen. Nicht auf jedem Meter steht ein Grenzschützer", sagt der Lukaschenko-Vertraute Juri Karaljev zur aktuellen Situation.

Die Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin Martha Wilczynski konnte sich mit einigen Geflüchteten unterhalten. Sie leben aktuell dicht gedrängt in einer von der belarussischen Regierung errichteten Notunterkunft nahe der Grenze.

"Tatsächlich ist ein Logistikzentrum von der belarussischen Regierung zur Unterkunft für die Menschen umgebaut worden. Dort wurde Platz für rund 2000 Geflüchtete geschaffen. Sie liegen dicht an dicht auf improvisierten Betten aus Europaletten."
Martha Wilczynski, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin in Belarus

Martha Wilczynski berichtet, dass Zelte und Decken für die Menschen verteilt worden seien. Obwohl die Halle groß sei, sei es innen stickig. "Man hört viele Leute husten, weil sie sich in den Wäldern unterkühlt oder eine Lungenentzündung haben. Wir haben auch von einem ersten Covid-Fall gehört. Die Migrant*innen sagen, die Lage in der Unterkunft sei besser als im Wald", so Martha Wilczynski.

Keine gute Situation in Flüchtlingsunterkunft

In der Notunterkunft kümmerten sich das belarussische Rote Kreuz und der Katastrophenschutz um die Menschen, berichtet die Korrespondentin. Auch Essen gebe es für die Bewohnerinnen und Bewohner. "Der belarussische Staat hat eine Art von Infrastruktur aufgebaut." Dennoch sei die Situation in der Unterkunft nicht gut, sagt Martha Wilczynski.

"Die Unterkunft wurde von den belarussischen Behörden aufgebaut. Es gibt auch Essen für die Bewohner*innen. Medial wird das Leben in der Unterkunft stark inszeniert. Tatsächlich wird 24/7 darüber in den belarussischen Medien darüber berichtet."
Martha Wilczynski, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin in Belarus

Einerseits ist es gut, dass die Menschen versorgt werden, erklärt Martha Wilczynski. "Andererseits ist es nicht gut, dass sie dadurch Teil einer medialen Inszenierung der belarussischen Politik werden", kritisiert die Korrespondentin für das Gebiet.

Inszenierung der Situation für belarussische Staatsmedien

Martha Wilczynski berichtet, dass jede kleinste Aktion mit einer Kamera begleitet werde. "Beispielsweise wurde unter den Kindern Spielzeug verteilt. Anschließend bekamen sie ein Megafon in die Hand gedrückt und sollten sich auf Englisch bedanken mit den Worten 'danke Belarus' oder 'ich liebe dich, Belarus'", sagt Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin Martha Wilczynski.

Belarussische Bürger*innen glauben falscher Erzählung in Medien

In den belarussischen Medien kursiert die Erzählung, dass deutsche Politiker die Migrant*innen in die EU eingeladen haben. "In den belarussischen Staatsmedien wird erzählt, dass Deutschland oder explizit Angela Merkel diese Flüchtlinge eingeladen habe. Das Interessante ist, dass sich die Erzählweise bei den Leuten verfängt, die Staatsfernsehen gucken", sagt Martha Wilczynski.

"Bei Unterstützern von Alexander Lukaschenko kommt diese Erzählweise gut an."
Martha Wilczynski, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin in Belarus

Nach wie vor haben die geflüchteten Menschen die Hoffnung, in die EU zu kommen. "Mittlerweile gibt es Rückholaktionen für Migrant*innen, über Minsk zurück in ihre Heimat gebracht zu werden. Die Angebote sind freiwillig. Tatsächlich haben dieses Angebot von der polnischen Regierung nur einige hundert Menschen wahrgenommen.

Die belarussische Seite betont, dass die Rückführungen auf freiwilliger Basis geschehen sollen, so Martha Wilczynski. Man wolle niemanden dazu zwingen, heißt es. Korrespondentin Martha Wilczynski sagt, dass viele der Menschen ihr erzählt haben, dass sie lieber in Belarus bleiben wollen als in ihre Heimat zurückzukehren.