Auf ihrer Tour durch Sachsen – kurz vor der Landtagswahl – trifft Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard fünf Tage lang Menschen. Am fünften Tag ihrer Tour durch Sachsen erreicht unsere Reporterin Tina Howard die Stadt Weißwasser. Dort lebt Thomas Götz, der im Kraftwerk Boxberg als Elektriker arbeitet. Es gibt Pläne für den Braunkohle-Ausstieg in der Region, die auch den Arbeitsplatz von Thomas betreffen würden. Er blickt also in eine ungewisse Zukunft.

Thomas Götz ist gut eingebunden in das Leben in seiner Stadt Weißwasser – im Nordosten von Sachsen. Er arbeitet als Prozessleitelektroniker im Kraftwerk Boxberg. Er hat lange Zeit bei der ansässigen Eishockey-Mannschaft, den Lausitzer Füchsen, gespielt. Die Mannschaft ist ein wichtiger Identifikationsfaktor für die Menschen aus dieser Gegend. Inzwischen trainiert Thomas die Mannschaft der Jugendlichen unter 15 Jahren und auch die ganz Kleinen – in dieser Mannschaft spielt auch sein eigener Sohn.

"Vorruhestand? Ich weiß es nicht, habe keine Ahnung. Es ist schwierig zu sagen, ich kann nur warten, gucken, weiter machen und das Beste hoffen."
Thomas Götz auf die Frage, was er nach 2038, also nach dem Braukohle-Ausstieg, machen will.
Eishockey-Stadion in Weißwasser.
© Deutschlandfunk Nova | Tina Howard

Die Kleinstadt, in der Thomas lebt, hat 16.000 Einwohner und liegt nicht weit von der polnischen Grenze entfernt. Die Gegend im Nordosten Deutschlands ist in den vergangenen Wochen immer mal wieder in den Medien aufgetaucht. Die Lausitz ist eines von insgesamt drei Gebieten – neben dem Leipziger Land und dem Rheinischen Revier –, das vom Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038 betroffen ist – und gleichzeitig gerade eine Hilfe in Milliardenhöhe zugesagt bekommen hat.

Thomas Götz ist jetzt 34 Jahre alt. Zurzeit hat er einen soliden Job und verdient ganz gut, hat unsere Reporterin Tina Howard erfahren. Zum Zeitpunkt des geplanten Braunkohle-Ausstiegs im Jahr 2038 wäre er 52 Jahre alt. Im Moment hat er keine Ahnung, was er beruflich machen wird, wenn er nach dem Braunkohle-Ausstieg nicht weiter im Kraftwerk arbeiten kann.

Der dritte Strukturwandel steht bevor

Der Braunkohle-Ausstieg an sich, Uneinigkeit in der Politik über das Ausstiegsdatum und der geplante Bau von Kohlemeilern im benachbarten Polen verunsichern die Menschen der Region und rufen gleichzeitig Kritik hervor. Die Gegend hat schon schwierige Zeiten hinter sich. Jetzt steht mit dem Braunkohle-Ausstieg der dritte Strukturwandel in der Region bevor.

Strukturelle Einschnitte durch den plötzlichen Wegfall von Arbeit

Vor einigen Jahrzehnten war Weißwasser eine Glasbauer-Stadt mit vielen Glashütten. Heute gibt es nur noch eine Firma aus dieser Zeit, die überlebt hat. Nach dieser Zeit wurde die Braunkohle-Industrie ein wichtiger Arbeitgeber. Zu Zeiten der DDR ist Weißwasser stark gewachsen und zählte zum Zeitpunkt der Wende 38.000 Einwohner.

In den 1990ern wurden dann aber Tausende Mitarbeiter entlassen. Auch Thomas' Vater verlor seinen Job und ist danach viel auf Montage gefahren. Auch Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard kennt viele Handwerker, denen es so ergangen ist – auch in ihrer eigenen Familie. In den 1990er Jahren mussten sie oft jahrelang weite Strecken auf sich nehmen, um im Westen Deutschlands Montagejobs zu finden. Diese Handwerker waren dann für diese Zeitabschnitte weg aus ihrer Stadt, weg aus dem Familienleben.

"Ich habe ein Haus gebaut, meine Eltern sind hier, Schwiegereltern – also ich fühle ich mich eigentlich ganz wohl hier. Und Eishockey ist hier auch noch."
Thomas Götz über seine Heimatstadt

Tina Howards Fazit

Zurzeit fehlt in der Region die Infrastruktur, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard. Es gebe keine ordentlichen Anbindung, Weißwasser liege ab vom Schuss. Tina hat selbst die Erfahrung gemacht, dass sie sehr lang auf einer Landstraße durch sandige Kiefernwälder fahren musste und den Eindruck hatte, dass sie am Ende der Welt angekommen sei, bis dann das riesige Kraftwerk Boxberg vor ihr aufgetaucht ist. Und auf der Zugstrecke sieht es nicht anders aus, sagt Tina.

Sie fügt dem aber noch hinzu, dass eine bessere Anbindung und Infrastruktur zwar gut wäre, die 1.000 Jobs aber nicht ersetzen könnte, die die Braunkohle in Weißwasser bietet. Und das seien gut bezahlte Jobs, die es den Leuten auch mal erlauben würden, ins Restaurant oder zum Friseur zu gehen oder ihre Kinder zum Eishockey-Training anzumelden. An den Jobs hängt die Existenz der ganzen Stadt, sagt Tina. Das Versprechen von Politikern, neue wissenschaftliche Institute oder Verwaltung anzusiedeln, hilft Menschen wie Thomas, die als Prozessleitelektroniker arbeiten, nicht weiter. Er könne darüber nur lachen, sagt Tina.