Auf ihrer Tour durch Sachsen – kurz vor der Landtagswahl – trifft Moderatorin Tina Howard fünf Tage lang Menschen. Am vierten Tag ihrer Tour den Sozialarbeiter Tobias Burdukat. Er plant, seiner Heimatstadt Grimma den Rücken zu kehren, weil er das Gefühl hat, dass sein Engagement und seine Arbeit nicht genug wertgeschätzt werden. Oft werde ihm vorgeworfen, er schade seiner Stadt, weil er öffentlich Kritik an Dingen übt, die seiner Meinung nach besser laufen könnten.

Tobias Burdukat ist 36 Jahre alt und arbeitet als Sozialarbeiter. In seiner Heimatstadt Grimma hat er den Jugendpark "Dorf der Jugend" gegründet. Einen Ort auf einem ehemaligen Fabrikgelände, an dem Jugendliche und Kinder ihre Freizeit verbringen können. Dort gibt es eine Konzertbühne, einen Bolzplatz, ein Café, einen Skaterpark und dazu noch eine tolle Aussicht auf die Umgebung.

"Mehr als die Hälfte meines Lebens hab ich versucht, diese Gegend ein bisschen attraktiver zu machen für Menschen, die nicht in das typische konservative Weltbild des überwiegenden Teils der ländlichen Bevölkerung passen."
Tobias Burdukat, Sozialarbeiter
Sozialarbeiter Tobias Burdukat und Moderatorin Tina Howard.
© Deutschlanfunk Nova | Tina Howard
Sozialarbeiter Tobias Burdukat im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard.

Tobias will weg: "Irgendwann ist einfach eine Grenze erreicht"

In seiner Heimatstadt Grimma hat Sozialarbeiter Tobias eine gewisse Bekanntheit erreicht: Er spricht Probleme an – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard. In einem Youtube-Video äußert sich der Sozialarbeiter zu Rechtsextremismus in Sachsen. Außerdem war er in den vergangenen Jahren nicht nur Leiter des Projekts "Dorf der Jugend“, sondern saß auch im Stadtrat und im Kreisrat. Und er ist durch Deutschland getourt, um anderen Sozialarbeitern zu erzählen, welche Erfahrungen er gesammelt hat.

Aber jetzt hat er langsam genug von Grimma. Das liegt vor allem daran, dass er zwar Wertschätzung für sein Engagement erfahre, allerdings nicht von den Menschen in seiner Heimatstadt. Für Tobias Burdukat fühlt es sich so an, als habe sich dort seit 20 Jahren nichts verändert.

"Was man ganz stark merkt, ist, dass erwachsene Leute, richtig abwertend und richtig schlecht über Jugendliche reden, und das bezieht sich nicht nur auf eine AfD-Wählerschaft, sondern das ist gesellschaftsübergreifend."
Tobias Burdukat, Sozialarbeiter

Vor allem seine Äußerung, dass sich Grimma nicht genug um die sich verhärtenden Nazi-Strukturen kümmert, hat Tobias viel Kritik eingebracht. Er führt das darauf zurück, dass sich die Stadt positiv darstellen wolle. Tobias hält es nicht für angemessen, dass er kritisiert wird, wenn er auf gesellschaftliche Probleme in seiner Region aufmerksam machen möchte. Für ihn ist damit eine Grenze erreicht. Den Jugendpark "Dorf der Jugend" übergibt er zurzeit an seine Nachfolgerin. Unter diesen Umständen will er dort nicht mehr weiterarbeiten.

"Also mein persönlicher Plan ist tatsächlich, Grimma den Rücken zu kehren, als Kleinstadt im ländlichen sächsischen Raum."
Tobias Burdukat, Sozialarbeiter
Sozialarbeiter Tobias Burdukat
© Deutschlandfunk Nova | Tina Howard
Sozialarbeiter Tobias Burdukat im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard.

Tina Howard zieht ein Fazit

Unsere Reporterin hat den Eindruck, die Menschen in Grimma ließen Tobias Burdukat spüren, dass er stört. Die meisten Bewohner der Stadt wollten ihre Ruhe und sie würden dem Sozialarbeiter vorwerfen, dass er ihnen diese Ruhe nicht lasse. Tina, die vor einigen Jahren aus dem Osten Deutschlands in den Westen gezogen ist, trifft das. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen dieser Stimmung und damit, dass so viele Menschen Ostdeutschland den Rücken gekehrt haben.

Tina nimmt die Situation so wahr, dass die Generation der 30 bis 40-Jährigen – vor allem auf dem Land – zurzeit fehlt. Das seien genau die Leute, die beispielsweise bei einer Skatrunde am Stammtisch auch mal dagegenhalten, wenn jemand eine rassistische Parole äußert. Auch Tobias sagt: Diese Menschen gebe es nicht oder es gebe zu wenige von ihnen. Und das mache es für alle, die dageblieben sind, besonders schwer – auch für ihn selbst.

"Das sind einfach Dinge, wo ich mir sage: Okay, ich hab das jetzt lang genug gemacht. Das fühlt sich einfach so an, als wäre in den letzten 20 Jahren nichts passiert."
Tobias Burdukat, Sozialarbeiter