Vor einem Monat hat in Viersen am Niederrhein ein Wolf ein Schaf gerissen – so weit, so gewöhnlich. Eine Untersuchung hat aber ergeben, dass der Wolf aus den Alpen gekommen sein muss und damit eine ungewöhnlich lange Strecke hinter sich gelassen hat.

Von den Alpen bis zum Niederrhein sind es über 1.000 Kilometer – über Autobahnen und Flüsse, durch Städte und Industriegebiete. Kann das ein einzelner Wolf wirklich zurückgelegt haben? Ja, sagt Marie Neuwald, Referentin für Wolfsschutz vom Naturschutzbund Deutschland, das sei selten, aber nicht unmöglich. Immer wieder würden einzelne Wölfe entdeckt werden, die sehr viele Kilometer hinter sich gelassen hätten.

"Dieser Wolf ist tatsächlich nicht der erste, der so eine weite Strecke auf sich genommen hat, um ein neues Gebiet für ihn zu finden."
Marie Neuwald, Referentin für Wolfsschutz vom Naturschutzbund Deutschland

Grundsätzlich könnten Wölfe maximal bis zu 100 Kilometer am Tag zurücklegen. Über mehrere Tage so viele Kilometer hinter sich zu lassen, sei eine enorme Leistung, sagt Marie Neuwald, vor allem, wenn man die Gefahren, die auf dem Weg lauern, betrachtet: Alleine im Jahr 2019 wurden beispielsweise 100 Wölfe auf deutschen Autobahnen überfahren.

Zuordnung durch DNA-Analyse

Woher der Wolf kommt, haben Forschende des Senckenberg Forschungsinstituts in Gelnhausen mithilfe von DNA-Spuren herausgefunden, die der Wolf am gerissenen Schaf hinterlassen hat. Denn die verschiedenen Wolfspopulationen, die es in Europa gibt, unterscheiden sich unter anderem über unterschiedliche "Haplotypen", also bestimmte genetische Merkmale. Die Wölfe, die bei uns in Deutschland und Westpolen vorkommen und zu derselben Population gehören, haben den Haplotyp HW01.

Bei den DNA-Spuren dieses Wolfs konnten die Forschenden den Haplotyp HW22 feststellen, der sich der Population aus den Alpen zuordnen lässt. Zu welchem Rudel genau der Wolf gehört, lässt sich mit dieser Methode allerdings nicht herausfinden.

10.000 Kilometer durch Norddeutschland und Polen

Der hier untersuchte Wolf ist kein Einzelfall. Beispielsweise berichtet eine Studie aus diesem Jahr von einem Wolf, dessen Sendehalsband mit GPS-Tracker eine Strecke von über 10.000 Kilometern innerhalb von zwei Jahren aufgezeichnet hat. Der Wolf hat dabei 27 Mal eine Autobahn überwunden, 100 Mal eine Bundesstraße überquert und ist durch Elbe, Oder und den Nordostseekanal geschwommen, berichtet Marie Neuwald.

Wölfe können also enorme Strecken zurücklegen, tun es aber nicht in allen Fällen. Die Schwester dieses Wolfs, die ebenfalls mit einem Sendehalsband ausgestattet war, legte dagegen nur 60 Kilometer zurück, um sich eine neue Familie im benachbarten Gebiet zu suchen.

Auf der Suche nach einer neuen Familie

Wölfe sind Rudeltiere. Wie passt es also zusammen, dass ein einzelner Wolf so viele Kilometer alleine zurückgelegt hat? Marie Neuwald erklärt, dass ein Wolfsrudel meist aus den Elterntieren und den Nachkommen aus diesem Jahr und dem Vorjahr bestehe. Werden die Wölfe geschlechtsreif, verlassen sie jedoch ihr Rudel, um sich eine neue Familie zu suchen. Dafür könnten manche von ihnen dann eben sehr weite Strecken zurücklegen.

"Wölfe wandern generell, um ein neues Gebiet für sich zu besetzen und um eine neue Familie, das heißt ein neues Rudel zu gründen."
Marie Neuwald, Referentin für Wolfsschutz vom Naturschutzbund Deutschland

Nach welchem Prinzip sich Wölfe ihre neuen Familien und Territorien aussuchen, darauf hat die Wissenschaft noch keine Antwort gefunden. Manche Wölfe würden zielstrebig in eine gewisse Richtung laufen, andere würden auch nach einigen Kilometern wieder umkehren und in eine andere Richtung wandern. Um diesen und andere Fragen auf den Grund zu gehen, werden seit letztem Jahr immer mehr Wölfe mit Sendern ausgestattet, berichtet Marie Neuwald.