Die Stadt Görlitz hat Selbstständige zum Probewohnen eingeladen, darüber haben wir bereits berichtet. Wie es sich für die Probewohnenden in Görlitz lebt, weiß Dlf-Korrespondent Bastian Brandau.

Im Dezember 2018 hatten wir schon einmal über ein ungewöhnliches Projekt in Görlitz berichtet: Die Stadt bietet Menschen eine Probezeit zum Arbeiten und Wohnen von je vier Wochen an. Das Projekt hat im Januar 2019 begonnen. Zeit für unseren Korrespondenten, sich anzuschauen, wie es sich in Görlitz lebt – und ob sich die Probebewohnerinnen und Probebewohner vorstellen können, zu bleiben.

Raum für Künstler und Kreative

Die Stadt Görlitz hat bewusst Selbstständige eingeladen, denn die sind flexibel. Die Stadt stellt ihnen Wohnung und einen Arbeitsraum zur Verfügung. Für die Probebewohnerinnen und Bewohner geht es vor allem ums Netzwerken, sagt Lorenz Kallenbach. Er bringt Kreative von außerhalb mit Vereinen oder Kreativen aus Görlitz zusammen. Lorenz Kallenbach sieht vor allem die Freiräume in Görlitz als Chance. Also leer stehende Häuser und Industrieanlagen, die es in Berlin mittlerweile so nicht mehr gibt. Er wünscht sich aber auch ein stärkeres Bekenntnis der Stadt zur freien Szene – und ein größeres finanzielles Engagement.

"Ich glaube das die freie Szene hier erst mal ihr Ding machen kann, würde ich erst mal ganz plump sagen. Sie muss sich aber auch alles selber organisieren."
Lorenz Kallenbach, Produktdesigner

Sehr zeit- und ortsgebundener Eindruck

Bastian Brandau findet zwei Menschen, die das Angebot angenommen haben und bisher zufrieden scheinen: Pablo Roman-Alcalà und Katrin Kamrau. Pablo Roman-Alcalà kommt eigentlich aus San Francisco und wohnt seit über 15 Jahren in Berlin. In seinem Görlitzer Atelier kann er vier Wochen lang in Ruhe arbeiten, seine Songs verändern, arrangieren oder mastern – ohne die Ablenkung des Berliner Großstadtlebens. 

Ihm gefällt Görlitz – er kann sich sogar vorstellen, hier ein Haus zu kaufen, zu leben und zu arbeiten. Aber letztlich müsste er noch einmal länger wiederkommen, um das zu entscheiden, sagt er. Pablo Roman-Alcalà überlegt sogar, hier irgendwann eine Künstlerkolonie zu gründen – gemeinsam mit Freunden, die aus Görlitz kommen.

"Ich komme aus San Francisco, ich wohne jetzt schon seit 15 Jahren in Berlin. Ich bin total Großstadtkind. Aber ich kann mir eine Zukunft vorstellen, wo ich mehr Zeit in einer Stadt wie Görlitz verbringe."
Pablo Roman-Alcalà, Künstler, lebt zur Probe in Görlitz

Auch Katrin Kamau hat sich für vier Wochen in Görlitz eingerichtet. Sie hat in Bielefeld Fotografie und Medien studiert, danach in Belgien und den Niederlanden gelebt. Jetzt befindet sich ihr Arbeitsplatz in der Siebdruckwerkstatt des ehemaligen Kühlhauses. Für sie ist das Leben in Görlitz eine Probe auf ganzer Linie: Sie probiert den Alltag aus, trifft sich aber auch mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region. Katrin findet das Leben in Görlitz bisher sehr angenehm und bereichernd. Auch ihr Partner ist als Fotograf Teil des Projekts "Stadt auf Probe".

"Probe auf ganzer Linie. Also ich habe ein Probeabo von der Sächsischen Zeitung. Aber ich mache auch Probestunden beim Yoga, deutsch-polnische Angebote, das finde ich sehr schön. Da gucke ich hin, was es da so vor Ort gibt."
Katrin Kamrau, Fotografin

Aber auch sie sagt: Es ist zu früh, um zu sagen, ob sie in Görlitz bleiben will. Denn der Eindruck sei sehr zeit- und ortsgebunden. Zum Beispiel bewege sich gerade politisch viel, da die Oberbürgermeisterwahl ansteht. Die findet im Mai statt: Und bei der Oberbürgermeisterwahl werden dem AfD-Kandidaten Chancen eingeräumt. Bei den Bundestagswahlen 2017 ging der Görlitzer Wahlkreis bereits an die AfD. Es kann also durchaus sein, dass spätere Probebewohnerinnen und Probebewohner schon ein etwas anderes Görlitz kennenlernen.