Die typische Vorstellung der Dauer eines Menschenlebens ist um Jahre kürzer als die statistische Vorhersage. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine repräsentative Umfrage.

Lebenserwartung ist eine statistische Größe. Eine aktuelle, repräsentative Umfrage zeigt, dass viele die eigene Lebenserwartung unterschätzen. Die Teilnehmer nehmen an, dass sie weniger lang leben, als es die Statistik prognostiziert. Unser Reporter Johannes Döbbelt hat sich die Zahlen genauer angesehen und sich auch mit der natürlichen Altersgrenze von Menschen beschäftigt.

Ältere Menschen schätzen Lebenserwartung besser

Der Umfrage zufolge haben 1017 Befragten beim Einschätzen ihrer Lebenserwartung im Schnitt fünf Jahre daneben. Sie glauben, dass sie fünf Jahre kürzer leben, als es statistisch wahrscheinlich ist. Auftraggeber war der Verband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Von den Befragten schätzten ältere Menschen ihre Lebenserwartung besser als jüngere. 18- bis 29-Jährige unterschätzen ihre Lebenserwartung im Schnitt um sieben Jahre.

Die Lebenserwartung nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts liegt bei 83,18 Jahren für Frauen, bei Männern bei 78,36 Jahren. Die optimistischste Prognose geht bei Frauen von 88 bis knapp 93 Jahren, bei Männern von 84 bis 89 Jahren aus. Grundlage ist die Kohorten-Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes in der Variante 2. Auf dieser Grundlage ergeben sich auch die deutlichen Abweichungen in der Umfrage.

Eltern und Großeltern als Referenz

Die Befragten sollten auch sagen, wie sie zu ihrer Erwartungen gekommen sind. Nur wenige gaben an, dass sie sich die aktuellen Statistiken angeguckt hätten. Wichtigster Grund für die Fehleinschätzung ist die Wahl falscher Referenzpunkte. 48 Prozent der Befragten gab an, sich an der Lebenserwartung der Eltern zu orientieren. 39 Prozent wählten die eigenen Großeltern als Referenzgröße. Bei einer beständig von Generation zu Generation steigenden Lebenserwartung ist das nicht die richtige Wahl.

Demografie-Forscher gehen davon aus, dass die Lebenserwartung hierzulande und in den Industrienationen insgesamt weiterhin steigen wird. Hinzu kommt, dass auch wissenschaftliche Prognosen in der Vergangenheit strukturell eher auf zu niedrige Erwartungen kommen, bestätigt Roland Rau. Er lehrt Demografie an der Universität Rostock.

"Wenn prognostiziert wird, wie sich die Lebenserwartung weiter entwickeln wird, ist es klassischerweise so, dass die tatsächliche Entwicklung eher unterschätzt wurde."

Der aktuelle Rekord liegt bei 122 Jahren - so alt ist die Französin Jeanne Calment geworden. Eine Studie aus den USA kommt zu dem Ergebnis, dass es wahrscheinlich eine Höchstgrenze bei ungefähr 125 Jahren gibt. Israelische Wissenschaftler haben ermittelt, dass unter idealen Bedingungen sogar 140 Jahre möglich sein könnten – auch mit genetischen Eingriffen. Roland Rau möchte sich auf eine konkrete Alterhöchstgrenze beim Menschen nicht festlegen. Er sieht aber noch Spielraum nach oben.

"Meine Meinung ist: Wir wissen es nicht, aber wir sind auf jeden Fall noch ein gutes Stück davon entfernt."