Alligatoren gehören ins Süßwasser und Pumas in die Berge - zumindest dachten wir das lange Zeit. Inzwischen tauchen etliche Tierarten an Orten auf, die wir ihnen eigentlich nicht als natürliche Lebensräume zuschreiben würden. Forscher vermuten, dass sie alte Lebensräume zurückerobern, aus denen der Mensch sie vertrieben hat.

Brian Reed Silliman, Meeresbiologe und Ökologe, war ziemlich überrascht, als er eines Nachts auf einem seiner Streifzüge an der Küste des US-Bundesstaats Georgia einem Alligator begegnete. Silliman ist normalerweise eher auf kleinere Meeresbewohner - Krabben und Schnecken - spezialisiert. Als er beim nächtlichen Strandspaziergang nach ihnen ausschaute, entdeckte er stattdessen - nur knapp anderthalb Meter von sich entfernt - einen dreieinhalb Meter langen Alligatoren. 

"I felt like something was watching me and I looked up with my headlamp and I saw big red glowing eyes, about four or five feet away. And it was a giant alligator, like twelve feet long."
Brian Reed Silliman, Meeresbiologe und Ökologe

Sillimans Stirnlampe ließ die Augen des Raubtieres rot aufleuchten und jagte dem Wissenschaftler einen großen Schrecken ein. Der Alligator erschreckte sich beim Anblick des Forschers anscheinend genauso und verschwand in der Dunkelheit. So Furcht einflößend die Begegnung mit dem Alligator am Badestrand auch war, langfristig könnte sie ein gutes Zeichen sein - für das Gleichgewicht im Ökosystem.

Süßwasser-Bewohner am Meeresstrand

Eine Frage ließ Silliman nach dieser ungewöhnlichen Begegnung nicht mehr los: Was hatte dieser Alligator, der gewöhnlich im Süßwasser lebt, an einem Meeresstrand zu suchen? Daraufhin hat der Wissenschaftler Schutzgebiete an der Küste Floridas untersucht. Obwohl das Wasser in den Mangrovenwäldern salzig ist, gibt es dort viele Alligatoren. Alle paar hundert Meter zählte er einen weiteren. Die Tiere waren nicht zufällig oder versehentlich dort - sie hatten diesen Standort zu ihrem Lebensraum gemacht. Brian Silliman wollte wissen, ob das ein Einzelfall ist, oder ob es häufiger vorkommt. Zuerst untersuchte er Alligator-Populationen, danach andere Tierarten. 

20 Tierarten, die sich neue Lebensräume suchen

Der Meeresbiologe und sein Team haben Daten zu rund 20 Tierarten gesammelt, die sich ähnlich verhalten wie die Alligatoren. Dazu zählen vor allem Fleischfresser: beispielsweise Fischotter, Wölfe, Pumas und Kojoten. Die Forscher haben immer wieder das Gleiche beobachtet: Pumas, die nicht in den Bergen jagen, sondern in Graslandschaften. Seehunde, die von kalten in warme Regionen ziehen. Fischotter, die gewöhnlich im Süßwasser leben, befanden sich im Meer.

Umweltschutz führt zur Ausbreitung

Die einfache Erklärung der Wissenschaftler für die Ausbreitung der Tierarten, in den für sie ungewöhnlichen Lebensräumen: Versuche, in manchen Gegenden die Umwelt zu schützen, hatten funktioniert. Manche Wildtierbestände hatten sich erholt und sich auf neue Lebensräume ausgebreitet. Die Theorie der Forscher geht allerdings noch etwas weiter. Sie nehmen an, dass diese als neu deklarierten Lebensräume eigentlich ursprüngliche sind. Vor wenigen Jahrhunderten sollen diese Tierarten noch natürlich an diesen Orten vorgekommen sein. In diesem Sinne sind die sogenannten "neuen" Lebensräume also "alte", die sich diese Tierarten zurückzuerobern.

1000-jähriges Fossil stützt Theorie

Unser Wissen über die Ökologie stammt aus Studien und Naturbeobachtungen, die es allerdings erst seit 100 bis 200 Jahren gibt. Die Forscher sagen: Zu diesem Zeitpunkt waren viele Tiere schon durch den Menschen zurückgedrängt worden. Es gibt Hinweise, dass diese Theorie stimmt. Untersuchungen an rund 1000 Jahre alten Alligatorknochen lassen vermuten, dass die Panzerechsen sich damals von Salzwasserfischen ernährt haben. Viele Tiere sind also möglicherweise anpassungsfähiger als die Wissenschaft das bisher angenommen hat.

"It was estimated there would have to be 50 to 100 million dollars spent on watershed abatement, changing the roads, planting trees, changing water use patterns in those environments. But when the sea otters came back in, they did it for a fraction of the cost."
Brian Reed Silliman, Meeresbiologe und Ökologe

Ein anderes Beispiel für die neue Ausbreitung von Wildtieren ist Monterey Bay, eine Bucht in Kalifornien. Sie war stark verschmutzt und voller Algen. Der Ökologe Silliman erzählt, dass die Umweltbehörde diese Bucht reinigen und dort wieder Seegras ansiedeln wollte - weil es komplett aus der Bucht verschwunden war. 

Seeotter helfen bei der Renaturierung

Die Kosten für den Steuerzahler, waren damals auf 50 bis 100 Millionen Dollar geschätzt worden. Der ursprüngliche Plan beinhaltete die Veränderung des Straßenverlaufs in der Nähe der Bucht und das Pflanzen von Bäumen. Weil sich dann aber Seeotter in der Bucht ansiedelten, wurde das ganze Projekt viel billiger und belief sich nur noch auf 100.000 Dollar.

Wildtiere sorgen für ökologisches Gleichgewicht

Grund dafür war, dass sich durch die Seeotter die Nahrungskette veränderte: Seeotter fressen Krabben, die sich unter anderem von Meeresschnecken ernähren. Diese Schnecken sind wiederum wichtig für das Seegras, weil sie auf den Halmen entlang kriechen und sie von Algen freihalten. Die in der Bucht lebenden Otter waren somit der Grund dafür, dass das Seegras dort wieder wachsen konnte. 

Solche Effekte gibt es auch bei anderen Wildtieren - beispielsweise bei Wölfen, die Rehe jagen. Dadurch nimmt die Zahl der Rehe nicht übermäßig zu und ausreichend viele junge Bäume können gedeihen, ohne kahl gefressen zu werden.