Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut betroffen. Das bedeutet: kein Urlaub, nie Essen gehen, Kino oder Konzerte sind auch nicht drin. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Experten befürchten: Die Lage könnte sich durch die Corona-Pandemie weiter verschlimmern.

Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Armut auf und für zwei Drittel von diesen Kindern ist dieser Zustand von Dauer. Seit 2014 gehen die Zahlen kaum zurück – und das obwohl die wirtschaftliche Entwicklung gut ist.

Unter dem durchschnittlichen Lebensstandard

Kinder gelten in Deutschland als arm, wenn ihre Eltern Hartz IV beziehen oder weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland verdienen, erklärt Sarah Menne. Sie ist Volkswirtin und eine der Herausgeberinnen der Studie. Arm sein bedeutet in Deutschland in den meisten Fällen, dass die Betroffenen zwar eine Wohnung und Essen haben, aber dass sie kaum oder nur sehr beschränkt an der Gesellschaft teilhaben können.

"Arm aufzuwachsen heißt, oft viele Jahre lang oder auch die gesamte Kindheit über, Mangel und Verzicht zu erleben."
Sarah Menne, Volkswirtin und Mitherausgeberin der Studie

Diese Kinder sind insbesondere in den Bereichen Bildung und Teilhabe unterversorgt, sagt Sarah Menne. Außerdem können sie weniger in ihrer Freizeit unternehmen und leben häufig in beengenden Verhältnissen ohne Rückzugsmöglichkeit. Sie erleben oft ihre ganze Kindheit über Mangel und Verzicht.

Armut ist mit Scham verbunden

Oft ist auch das Gefühl der Scham für diese Kinder sehr groß, sagt Sarah Menne. Viele der Kinder schämen sich, wenn sie Freunde mit nach Hause bringen oder wenn sie Anträge auf Kostenbefreiuung für die Klassenfahrt stellen müssen. Aus Befragungen weiß man: Kinder aus armen Verhältnissen trauen sich weniger zu und fühlen sich der Gesellschaft weniger zugehörig.

"Nicht nur arme Kinder trauen sich selbst wenig zu – oftmals trauen ihnen auch ihre Lehrer und Lehrerinnen weniger zu und geben schlechtere Noten."
Sarah Menne, Volkswirtin und Mitherausgeberin der Studie

Das alles führt dazu, dass diese Kinder viel geringere Chancen haben einen Schul- oder Ausbildungsabschluss zu erreichen und später in einem guten Job zu arbeiten, erklärt Sarah Menne. Außerdem: Viele beteiligen sich weniger an der Gesellschaft, etwa bei Wahlen oder in sozialen Bereichen.

Corona verschärft die Lage armer Kinder

Die Corona-Krise hat für viele arme Kinder die Lage verschärft. Denn viele Angebote, auf die die Kinder angewiesen sind, konnten in der Krise nicht stattfinden: das kostenfreie Mittagessen in Schulen und Kitas, die Tafeln oder auch Beratungsgespräche und Freizeitangebote.

Eltern in der Krise ohne Job

Viele der Eltern arbeiten normalerweise als Mini-Jobber oder Geringverdiener, sagt Sarah Menne. Diese Beschäftigungen sind in der Krise als erstes weggefallen.

"Kinderarmut ist auch immer Familienarmut."
Sarah Menne, Volkswirtin und Mitherausgeberin der Studie

Die Zahlen bleiben konstant, weil es, so Sarah Menne, nicht gelungen ist, das System der finanziellen Absicherung der Kinder neu zu denken – und zwar von den Bedürfnissen der Kinder aus. Sarah Menne meint: Kinder sind keine Erwachsenen. Deswegen müssten sie auch anders behandelt werden. Nicht nach einem Fördern-und-Fordern-System wie etwa Hartz IV.

Eltern sparen für ihre Kinder

Die Herausgeberinnen der Studie fordern ein Teilhabe-Geld. Das soll eine einzige Leistung sein, damit Eltern nicht immer wieder zu unterschiedlichen Stellen laufen, immer neue Anträge ausfüllen und jedes Mal aufs Neue ihre Geschichte erzählen müssen.

Sie habe keine Bedenken, dass das Geld trotzdem erstmal bei den Eltern landet, sagt Sarah Menge: Es gibt Beispiele, dass Eltern in vielen Fällen zunächst an die Kinder denken. Etwa wenn Eltern auf Winterkleidung verzichten müssten – ihren Kinder würden sie es weitgehend trotzdem ermöglichen. Das ist das Ergebnis von Befragungen und Studien.

Bedarf von Kindern und Jugendlichen muss erfasst werden

Damit das Geld den Bedarf der Kinder und Jugendlichen decken kann, muss dieser Bedarf zunächst erfasst werden, sagt Sarah Menne. Denn dazu gibt es keinen Datensatz in Deutschland - Kinder und Jugendliche müssen selbst befragt werden, was sie brauchen, um gut aufwachsen zu können. Auf Grundlage dieser Daten müsse dann eine neue Leistung geschaffen werden.