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Die Liste ist lang. Und sie umfasst so ziemlich alle wichtigen Lebensbereiche: Gesundheit, Wohnen, Bildung und Arbeit. Die Folgen der Coronapandemie wirken sich auf Menschen mit Migrationsgeschichte und vor allem auf diejenigen mit Fluchterfahrung negativ aus. Das ist das Ergebnis einer Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Für die Studie "Covid-19 und Integration" hat die Politikwissenschaftlerin Petra Bendel gemeinsam mit zwei weiteren Autorinnen eine sogenannte Desktop-Recherche durchgeführt, also bereits vorhandene Daten, zum Beispiel die Arbeitslosenstatistik oder Zahlen zu Asylbewerbern, gesammelt und ausgewertet. Darüber hinaus haben sie ein Scenario-Building erstellt, aus dem sich ergibt, wie Deutschland gesellschaftlich nach der Pandemie aussehen könnte.

Benachteiligung in wesentlichen Lebensbereichen

Daraus ergibt sich, dass für schulpflichtige Kinder vor allem das Homeschooling problematisch ist. Bereits bekannt ist, dass vor allem Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien Schwierigkeiten haben, dem Lernstoff von zu Hause aus zu folgen. Das kann unter anderem an einer fehlenden technischen Ausstattung oder am schlechten Wlan liegen.

Sprache lernen ist in Pandemiezeiten eine riesige Herausforderung

Im Falle von Menschen, die die deutsche Sprache nicht oder kaum verstehen, sei die Hürde, per Computer zu lernen, noch schwieriger, erklärt Petra Bendel. Auch die Eltern können da – je nach Bildungshintergrund – unter Umständen nur bedingt eine Hilfe sein.

Außerdem sei bei Integrationskursen die Abbruchquote im untersuchten Zeitraum hoch gewesen, so Petra Bendel und das, obwohl das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 40 Millionen Euro investierte, um Kurse digital anzubieten.

"Die Errungenschaften, die wir in den vergangenen sieben Jahren erzielt haben, drohen zu versanden. Wir müssen da gegensteuern."
Petra Bendel von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Leiterin der Studie "Covid-19 und Integration"

Prekär Beschäftigte leiden im Lockdown wirtschaftlich – darunter viele Geflüchtete

Sehr deutlich zeigten sich die Auswirkungen der Pandemie laut Studie auch auf dem Arbeitsmarkt. Vor allem Menschen mit Fluchterfahrung arbeiten unter prekären Bedingungen und außerdem in Branchen, die von der Pandemie quasi zum Erliegen gekommen ist, wie das Hotel- und Gastgewerbe.

So ist nach Angaben von Petra Bendel zwischen März und Juli 2020 die Arbeitslosenquote unter Menschen aus Drittstaaten (die also weder aus der EU, Island, Liechtenstein oder Norwegen kommen) um 5,2 Prozent gestiegen. Darunter ist sie bei Menschen aus Asylherkunftsländern noch mal um 13,4 Prozent gestiegen.

"Menschen mit Fluchterfahrung arbeiten tendenziell in weniger festen Anstellungsverhältnissen und in Jobs, in denen weniger Heimarbeit möglich ist. Sie trifft die Pandemie wirtschaftlich stark."
Petra Bendel von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Leiterin der Studie "Covid-19 und Integration"

Gesundheitlicher Schutz auf engem Raum kaum möglich

Laut der Studie haben Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, auch keinen Zugang zu FFP2-Masken. Die Bundesregierung begründet es damit, dass diese Menschen nicht gesetzlich krankenversichert sind und damit die Bundesländer für sie zuständig seien.

Für Petra Bendel ist außerdem die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften problematisch, weil die Inzidenzraten hier sehr hoch seien. Schließlich könne man auf so engem Raum kaum Abstand halten.

"Integration ist ein Marathon und kein Sprint. Und hier dürfen wir nicht nachlassen – auch nicht in Zeiten der Pandemie."
Petra Bendel, Professorin für Politische Wissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Rassistische Begründungen für Pandemie sind nicht selten

Parallel dazu beobachten Petra Bendel und die Mitautorinnen der Studie, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund als Sündenböcke für die Ausbreitung der Pandemie gesehen werden.

Drei Szenarien für Deutschland im Jahr 2030

Aus ihren Erkenntnissen haben die Forscherinnen drei Szenarien für Deutschland abgeleitet. Je nachdem, wie sich die Wirtschaft, die internationalen Steuerungsmechanismen, aber auch das gesellschaftliche Klima und die medizinische Versorgung entwickeln, könne Deutschland nach der Pandemie eine exklusive Gesellschaft sein, eine, in der Migranten als nützliche Arbeitskräfte gesehen werden oder eine, in der Teilhabe priorisiert werde.

Klarer Appell an Gesellschaft und Politik

Tendenzen für eine Gesellschaft im Sinne von "German first" sieht Petra Bendel jetzt schon. Das umfasse, dass statt Menschenrechten und Solidarität, nationalistische und rassistische Haltungen dominieren. Das habe eine Segregation in den Bereichen Gesundheit, Wohnen und Arbeit zur Folge. In einer auf Teilhabe ausgerichteten Gesellschaft hingegen hätte die Pandemiezeit das Bewusstsein dafür geschärft, das Migrantinnen und Migranten in vielen Bereichen systemrelevant sind.

"Wir müssen es schaffen, den Zugang zu Gesundheit, Bildung und Ausbildung, aber auch zum Arbeitsmarkt sowie zum Wohnen für alle Menschen gleichermaßen inklusiv zu gestalten."
Petra Bendel, von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Leiterin der Studie "Covid-19 und Integration"

Die Zahlen sind da eindeutig: In Deutschland haben über 30 Prozent der im Lebensmittelsektor, in der Landwirtschaft und im Reinigungsgewerbe arbeitenden Personen eine ausländische Staatsbürgerschaft.

Daher ist die Schlussfolgerung, die die Wissenschaftlerin zieht, ein vehementer Appell: "Wir müssen gegensteuern in allen Bereichen. Sonst sind die Errungenschaften der Integrationspolitik der letzten sieben Jahre dahin."