Seit einem halben Jahr gibt es das Gesetz "Lex Wolf", das den Abschuss der Wölfe erleichtern soll. Richtig zufrieden ist damit niemand: Die Landwirtschaft beklagt die steigende Zahl gerissener Nutztiere. Was tun?

Ungefähr seit zwei Jahrzehnten gibt es in Deutschland wieder Wölfe. Wie viele es genau sind, ist nicht ganz klar: 2018 gab es 105 Wolfsfamilien und 29 kinderlose Paare. Aktuelle Daten werden erst noch ausgewertet. Aber: Der Bestand nimmt zu. "Die Wölfe breiten sich aus in Deutschland und finden hier gute Bedingungen", sagt Ilka Reinhardt vom Lupus Institut für Wolfsmonitoring und -forschung.

Für manche ist das ein Problem, das Verhältnis zwischen Tier und Mensch ist immer noch angespannt. Eigentlich sollte die vor einem halben Jahr verabschiedete "Lex Wolf" für Frieden sorgen: Nach langem Streit wurde der Abschuss der geschützten Raubtiere erleichtert, wenn sie Schafe und andere Nutztiere reißen.

"Die Anzahl der Wolfsangriffe auf Tiere und Herden steigt kontinuierlich, Weidetierrisse nehmen zu."
Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin

Trotzdem: Landwirtinnen und Landwirte klagen über mehr durch Wölfe getötete Nutztiere, der Naturschutz kritisiert, dass die Abschussgenehmigungen den Blick auf andere Hilfen verstellten. Und wenn es nach Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ginge, sollten Wölfe auch vorsorglich gejagt werden - bevor sie Nutztiere angegriffen habe.

Schießen erlaubt - unter Bedingungen

Bisher ist das Abschießen verboten, denn Wölfe sind in der EU und auch in Deutschland streng geschützt. Die "Lex Wolf" gestattet es, die Tiere nach Angriffen zu schießen - bis die Angriffe aufhören.

Es liegt in der Natur der Wölfe, Huftiere anzugreifen, normalerweise in der Wildnis. "Aber wenn sie die Chance haben, an Schafe ranzukommen, nutzen sie diese auch", sagt Ilka Reinhardt. "Schafe sind viel, viel einfacher zu erbeuten als Hirsche, Rehe oder Wildschweine."

"In anderen Ländern ist es völlig normal, dass man das Schaf vor dem Wolf schützen muss."
Ilka Reinhardt, Lupus Institut für Wolfsmonitoring und -forschung

Für Ilka Reinhardt ist die Lösung klar: Die Schafe müssen vor dem Wolf geschützt werden. Nur seien die Tierhalterinnen und Tierhalter gar nicht mehr daran gewöhnt, mit großen Beutegreifern wie dem Wolf zu leben. "In anderen Ländern ist es völlig normal, dass man das Schaf vor dem Wolf schützen muss", sagt sie. "So wie bei uns auch die Hühner vor dem Fuchs geschützt werden."

Die Forderung von Julia Klöckner, die Wölfe vorsorglich zu jagen, hält Ilka Reinhardt für nicht hilfreich: "Das hilft den Landwirten überhaupt nicht." Denn wenn die Schafe keinen Schutz hätten, fielen sie direkt dem nächsten Wolf zum Opfer.

Nutztiere schützen statt Wölfe jagen

Und dieser Schutz sei absolut machbar, das zeigten andere europäische Staaten. "Es wird inzwischen wirklich viel Hilfe zur Verfügung gestellt", sagt Ilka Reinhardt. "In manchen Bundesländern können Schafhalter bis zu 100 Prozent der Schutzmaßnahmen für Schafe gefördert bekommen." Doch mangele es an der flächendeckenden Umsetzung.

Der Herdenschutz in der Fläche sei aber besonders wichtig, sagt Ilka Reinhardt. Denn an ungeschützten Schafen lerne der Wolf, was für eine einfache Beute die Tiere sind - und er könnte dann auch lernen, Zäune zu überwinden. Die Datenlage zeige: "Mehr als 80 Prozent der Schafe, die von Wölfen getötet wurden, waren nicht oder nicht ausreichend geschützt."