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Der Übergangsministerpräsident erklärt seinen Rücktritt, die verfassungsgebende Versammlung hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Dazu bereiten sich hunderttausende Flüchtlinge auf die gefährliche Überfahrt nach Europa vor.

Zweieinhalb Jahre nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes 2011 ist in Libyen noch immer keine Ruhe eingekehrt: Gestern hat der erst Anfang des Monats ernannte Übergangs-Ministerpräsident Abdullah al-Thinni seinen Rücktritt eingereicht. Begründung: Er und seine Familie seien bedroht worden. Gleichzeitig sollte heute eine verfassungsgebende Versammlung einberufen werden.

Auch wenn diese beiden Ereignisse erst einmal nichts miteinander zu tun hätten – die Geschehnisse zeigten wieder einmal, wie instabil Libyen immer noch sei, wie viel Chaos dort herrsche, erklärt unsere Korrespondentin Sabine Rossi. Der Rücktritt Abdullah al-Thinnis zeige vor allem eines: wer wirklich die Macht im nordafrikanischen Land innehabe: bewaffnete Milizen.

"Es herrscht vielerorts Ernüchterung."
Sabine Rossi, Korrespondentin in Libyen

Eigentlich solle Mitte Februar gewählt werden. Das Ziel: 60 Männer uns Frauen sollten ausgewählt werden, die eine neue Verfassung schreiben sollten. Schon an dieser Wahl beteiligten sich nicht alle Libyer. Der Grund: Frauen und ethnische Minderheiten fühlten sich nicht ausreichend vertreten.

Keine Einheit

Ein wichtiger Grund, warum Libyen nicht zur Ruhe komme: Das Land sei in drei Regionen eingeteilt, erzählt Sabine Rossi. Da sei zum Beispiel der Osten, der traditionell gegen Gaddafi gekämpft habe. Eine Region, die stark nach Autonomie strebe und zurzeit die Ölterminals besetzt halte – und damit den wichtigsten Wirtschaftsfaktor des Landes. Grundsätzlich sei zu beobachten, dass jede regionale Gruppe mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen wolle.

Das Chaos in Libyen hat auch dramatische Auswirkungen für Europa. Das nordafrikanische Land hat eine 1800 Kilometer lange Grenze zum Mittelmeer. Es sei zurzeit unmöglich, diese Grenze zu kontrollieren, sagt Sabine Rossi. Die dramatischen Folgen: Der italienische Innenminister geht davon aus, dass 300.000 bis 600.000 libysche Flüchtlinge darauf warten, sich in einer Nussschale auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen.