Mit 31 Jahren hat sich Linus Giese als trans Mann geoutet. Männliche Rollenbilder und Klischees hatten ihn zunächst unter Druck gesetzt. Inzwischen wünscht er sich, wir könnten die ganzen Geschlechtervorstellungen einfach aufbrechen.

Fast vier Jahre ist Linus' Outing inzwischen her. Rückblickend erkennt er viele Unsicherheiten, die er erst überwinden musste. Sie alle hatten mit Rollenbildern und Genderklischees zu tun, hat er uns erzählt.

'Männlich' sein zu müssen, erzeugt Druck

Gerade kurz nach seinem Outing habe er viel Druck verspürt, jetzt "besonders männlich" sein zu müssen, so Linus Giese. Er erinnert sich an die Situation, als er sich eine Blumenjacke gekauft hatte – eine ziemlich coole – und die dann in den sozialen Netzwerken zeigte. "Dann kamen Kommentare wie: 'Ich dachte, du willst ein Mann sein.' Oder: 'Wenn du Blumenjacken trägst, dann kannst du ja auch eine Frau bleiben.' Das hat mich ganz schön verunsichert."

"Es hat lange gedauert, bis ich für mich selber herausgefunden habe, was ich möchte. Und dass es mir dann auch egal ist, was andere über mich sagen."
Linus Giese, Autor

Über sein Outing hat er ein Buch geschrieben: "Ich bin Linus: Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war." Darin schreibt er unter anderem, dass er gerne Geschlechtervorstellungen aufbrechen und "Männlichkeit vernichten" will. Das Buch ist ein Plädoyer dafür, Zuschreibungen wie "männlich" und "weiblich" durch "menschlich" auszutauschen und damit sämtliche Charaktereigenschaften für alle Menschen zugänglich zu machen.

"Ich finde es schade, dass wir bestimmte Eigenschaften wie Dominanz oder Schüchternheit immer Geschlechtern zuschreiben. Das hat sich sicherlich kulturell entwickelt. Aber letztlich sind es ja alles menschliche Eigenschaften."
Linus Giese, Autor

Linus Giese wünscht sich, dass wir diese kulturell entwickelten Zuschreibungen aufbrechen und allgemein sagen können: Ich bin empathisch oder stark, ohne dass es automatisch mit männlich oder weiblich assoziiert wird.

Wer bin ich? – Unabhängig von Genderklischees

Tradierte Denkweisen wie diese haben Linus Giese nach seinem Coming Out stark verunsichert. Vorher hatte er beispielsweise gerne die Zeitschrift "Flow" gelesen, was eher eine typische "Frauenzeitschrift" sei, sagt er. "Und dann habe ich mich gefragt: Kann ich die denn jetzt noch lesen? Oder: Welche Zeitschriften lesen denn Männer?" Solche Überlegungen zu haben, sei eigentlich sehr schade und einschränkend, findet er.

"Ich habe in den letzten dreieinhalb Jahren versucht, mich davon zu befreien, was ich als Mann sein muss und versucht herauszufinden, was ich gerne sein möchte."
Linus Giese, Autor

In den letzten Jahren hat Linus Giese viel Zeit damit verbracht, zu schauen, was ihm Spaß macht und was ihm guttut – jenseits von Rollenbildern. Dabei hat er viel ausprobiert. Er erinnert sich noch gut an einen Abend vor etwa zwei Jahren, als er zusammen mit zwei weiteren trans Männern am Küchentisch saß und sie sich gegenseitig die Fingernägel lackiert haben. Das habe sich am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit dann schon komisch angefühlt, sagt Linus, vor allem auch, weil er das früher als Frau nie getan habe. Aber er hat auch schnell gemerkt: "Das war nur in meinem Kopf."

Männlichkeit im Jahr 2021

Inzwischen arbeitet er in einem lesbisch-queeren Buchladen und fällt da gar nicht auf, sagt er. Da komme ihm auch die Berlin-Blase zugute. Dort könne er sich ziemlich frei bewegen, was in anderen Städten oder Orten in Deutschland sicherlich nicht der Fall wäre, glaubt er.

Im Jahr 2021 männlich zu sein, glaubt er, ist gar nicht so einfach. "Wir sprechen zwar viel über toxische Männlichkeit – aber viel zu wenig über gute Männlichkeit. Oder über gute Vorbilder, oder was Männer einfach richtig machen können."

"Ich glaube, dass Männer 2021 auf der Suche nach einer gesunden, richtigen Männlichkeit sind. Und danach, was das eigentlich sein kann."
Linus Giese, Autor