• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Wegen eines faulen Versprechens war Yeyo fünfzehn Jahre im Gefängnis. Schuldig war er nicht – das war sein Schwiegervater. Jetzt ist er frei und möchte das, was ihm zusteht. Er rechnet mit der mexikanischen Mafia ab.

Alles, was Yeyo besitzt, passt in einen Schuhkarton. Er hat kein Geld, keinen Ausweis, nichts. Yeyo – das ist nicht sein richtiger Namen, eigentlich heißt er Aurelio Blanco.

Und heute ist der Tag, auf den er fünfzehn Jahre gewartet hat: Er ist frei. Yeyo kommt aus dem Gefängnis. Seine Ehe, die Beziehung zu seiner Tochter, sein Stolz, seine Hoffnung: All das ist in die letzten fünfzehn Jahren zerbrochen.

Aus Loyalität im Gefängnis

Damals war er zu gutgläubig für eine Welt voller Korruption und Ausbeutung. Er hat für seinen Schwiegervater, den Bauunternehmer Carlos Flores, den Kopf hingehalten und hat an dessen Stelle die Gefängnisstrafe angetreten. Der hat Yeyo eigentlich versprochen, ihn nach zwei oder drei Jahren wieder rauszuholen und ihn dann angemessen zu entlohnen, aber alles kam anders.

"Das hatte ihm sein Schwiegervater Don Carlos versprochen, das war ihre Vereinbarung gewesen: Yeyo hält den Kopf für die Familie Flores hin – und die holt ihn wieder raus."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova, über den Inhalt von "Die Verschwundenen"

Jetzt kommt er zurück nach Guadalajara und erkennt nichts mehr wieder in der Millionenstadt. Auf den Brachflächen von früher stehen heute große Wohnhochhäuser und drumherum werden noch mehr von ihnen gebaut – überall stehen Kräne. Alles scheint anders.

Wenn Yeyo seinen Blick aus dem Autofenster weiterschweifen lässt, sieht er, wie die Menschen auf den Gehwegen auf kleine Geräte starren, die sie in ihren Händen halten. Estrella, die Vertretung seines Anwalts, tippt sogar auf ihr kleines Gerät während sie am Steuer sitzt.

"Alles ist anders. Sogar die Musik im Autoradio. Ständig geht es da um 'Ärsche' und um 'Süße'."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova, über den Inhalt von "Die Verschwundenen"

Sie sind auf dem Weg zur Kanzlei, damit Yeyo nach seiner Freilassung noch die nötigen Papiere unterschreiben kann. Wohin er danach soll, wo er in Zukunft leben wird, das weiß Yeyo nicht. Für ihn ist aber klar: Nach fünfzehn Jahren Freiheitsentzug will er mit Don Carlos abrechnen.

Das Buch

"Die Verschwundenen" (OT: "Olinka") von Antonio Ortuño: aus dem Spanischen übersetzt von Hans-Joachim Hartstein, erschienen bei Verlag Antje Kunstmann, 253 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 20 EUR, E-Book: 15,99 EUR, Erscheinungstermin: 06.03.2019

Der mexikanische Schriftsteller Antonio Ortuño wurde 1976 in Guadalajara geboren. Sein Debütroman wurde von der Zeitung Reforma zum besten mexikanischen Roman 2006 gewählt, 2010 wurde er vom Magazin Granta zu einem der besten jungen spanischsprachigen Autoren der Gegenwart ernannt. 2018/2019 war Antonio Ortuño Stipendiat des DAAD in Berlin.