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Im Debütroman "Frag nach Susan" von Souvankham Thammavongsa erleben wir den Alltag der Ex-Profi-Boxerin Ning in ihrem Nagelstudio Susan’s. Ihr Leben ist geprägt von Identitätsverlust, Machtspielen und Fassaden.

Im Roman der laotisch-kanadischen Dichterin Souvankham Thammavongsa verbringen wir einen heißen Sommertag in einem kleinen Nagelstudio. Geführt wird es von der früheren Profi-Boxerin Ning. Fast ihr gesamtes Leben spielt sich hier ab.

Ning verlässt das Nagelstudio nur selten, beispielsweise wenn sie die Fettfinger eines Kindes von der Fensterscheibe wischt, oder wenn eine Taube überfahren wird und Ning dadurch einen ihrer Flashbacks erlebt.

"Susan, das steht auf allen Namensschildern. Das ist einfacher."
Lydia Herms, rezensiert den Roman "Frag nach Susan" von Souvankham Thammavongsa

In den unerwartetsten Situationen muss die Ex-Boxerin an frühere Kämpfe denken. Wenn sie sich mit Mai streitet, oder wenn sie Hornhaut eines Kunden befühlt und gleichzeitig Interesse heuchelt für das, was er erzählt.

Trotzdem: Man mag es ihr nicht sofort glauben, aber Ning mag ihre Arbeit. Was sie nicht mag, das sind die Kund*innen, die Extrawünsche haben. Und solche, die Happy-End-Witze reißen, kein Trinkgeld geben oder schlechte Google-Bewertungen schreiben, wenn sich eine der Susans angeblich nicht angemessen verhalten hat.

Ein Nailart-Studio voller Susans

Für Ning und ihre Mitarbeiterinnen ist es nichts Neues: Die chauvinistischen Kund*innen geben sich keine Mühe dabei, die Nageldesignerinnen auseinanderzuhalten oder sich ihre Namen zu merken.

Die Chefin hat daher entschieden, auf alle Namensschilder "Susan" zu schreiben. Das macht es für alle einfacher. Im Nagelstudio arbeiten somit lächelnde "Susans" mit schwarzen Haaren und schwarzer Kleidung.

Es sind zurückhaltende "Susans", denen man von Sorgen oder Dates mit irgendwelchen verheirateten Typen erzählen kann. Und auch interessierte Susans, die so schauen, als würden sie davon zum ersten Mal hören.

"Jetzt läuft Ning auf die Straße, starrt die tote Taube an und wartet. So wie sie damals auch gewartet hat. Im Boxring. Mit einer Gegnerin, gebaut wie ein Schrank. Ning hat sie müde pariert."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Ning kennt alle diese Geschichten. Und sie weiß alles über die Menschen, die ihnen ihre Finger, Zehen oder Nasenhaare entgegenstrecken und dabei denken, Ning und ihre Mitarbeiterinnen sprächen untereinander nur über Belangloses, weil sie kein Wort davon verstehen.

Da ist nichts Belangloses

Während sie feilen, knipsen und lackieren, besprechen sie die Verletzungen, die sie alltäglich erfahren. Die Nageltechnikerinnen denken sich aus, wie sie sich für sexistische Sprüche rächen können, oder bedauern die müde Mutter mit dem Baby.

Ning braucht diese geheimen Gespräche. Sie sind das Licht in ihrer Dunkelheit. Die Dunkelheit, in der sie seit damals lebt, als die Gegnerin im Ring, so wie die Taube auf der Straße, zu Boden ging – und nicht mehr aufstand.

Die Autorin: Souvankham Thammavongsa feierte erste Erfolge mit den preisgekrönten Lyrikbänden "Small Arguments" (2003) und "Light" (2013). Ihr internationaler Durchbruch gelang ihr mit dem Erzählband "How to Pronounce Knife", der 2020 den Giller Prize gewann. Mit ihrem Debütroman "Frag nach Susan" ("Pick a Colour") sicherte sie sich Ende 2025 diesen kanadischen Buchpreis ein zweites Mal.

Das Buch: "Frag nach Susan" (Originaltitel: "Pick a Colour", 2025) | von Souvankham Thammavongsa | aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz | Aufbau Verlag | 207 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 24 Euro, eBook: 16,99 Euro | Ein Hörbuch wird es auch geben, gelesen von Christina Ann Zalamea. | Erscheinungstag: 12.08.2026

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment...
... wenn du im Nagelstudio sitzt
vom 16. August 2026
Autorin: 
Lydia Herms