"Seemann vom Siebener" heißt der zweite Roman von Arno Frank und beschreibt einen Tag mitten im Sommer in ein kleinstädtisches Freibad. Ein Hauch von Chlor liegt in der Luft. Die Mülleimer werden von Wespen umschwirrt. Hier ist Kiontke Bademeister.

Kiontke hebt das Megaphon zum Mund. Er kriegt aber kein Wort raus. Weil er immer noch nach Luft schnappt. Gerannt ist er. Wie blöd. Von der Freitreppe zum Büro und wieder zurück. Hat erst wütend die Freisprechanlange zerkloppt, weil er sie nicht in Gang gekriegt hat, und sich dann das Megafon geschnappt.

Unterwegs hat er wieder seine Badelatschen verloren, die Scheißdinger. Taugen echt nur zum Rumstehen und Latschen, aber nicht zum Rennen.

Ein ganz normaler Tag im Freibad

Und das macht er heute komischerweise schon zum zweiten Mal: rennen. Erst zum Kinderspielplatz. Die Melanie hatte sich auf der Wiese gewälzt, neugierig umringt von ihrer Kindergartengruppe. Der Stich einer Biene hatte die Hand der Melanie anschwellen lassen, so dick, als hätte man sie aufgeblasen.

Anaphylaktischer Schock: Damit kann Kiontke umgehen. Dafür macht er den Job einfach schon lange genug. So lange genug, dass er, nachdem die Melanie vom Notarzt abgeholt worden war und die Josefine freundlicherweise zugesagt hat, auf die Kinder der Bärengruppe aufzupassen,bis die Anke aus dem Kindergarten rüberkommt, und sich allesamt ein bisschen beruhigt haben, also, so lange macht der das schon, dass er mit den Kindern wie versprochen heute noch die Seepferdchenprüfung gemacht hat. Das war vorhin.

Jetzt ist alles anders

Jetzt aber ist es, als würden in diesem Augenblick alle Menschen im Freibad die Luft anhalten – und nach oben starren. Die Renate tritt mit ungläubigem Blick aus ihrem Kassenhäuschen. Der Sergej unterbricht das Schrubben seiner Fritteuse.

Die Jungs, die der Kiontke gerade eben noch zum Müllaufsammeln verdonnert hat, seine „Pappenheimer“. Jo, deren Mann heute Abend beerdigt wird. Und Lenny, der mal der beste Freund von Jos Mann gewesen ist, aber eigentlich nur wegen Jo hier ist. Und die alte Isobel, die unter der Linde sitzt. Niemand wirft eine Frisbee-Scheibe oder lässt den Federball über das Netz poppen.

"Kein Kind kräht. Nichts plätschert. Und dem Kiontke kommt es fast so vor, als würde das komplette Freibad die Luft anhalten, jeder Grashalm, jede Ameise, jeder Baum."
Lydia Herms über "Seemann vom Siebener" von Arno Frank

Und was hinter dem Zaun liegt, auch: die Wiesen und Felder, der Trecker vom Schröder, die Bundesstraße, der Rathausturm und der Bahnhof. Das alles kann man nämlich von da oben sehen. Das weiß der Kiontke. Er hat oft allein dort gesessen und runtergeguckt, vom Dach der Welt, siebeneinhalb Meter über dem Wasser und zwölf über dem Beckenboden. Aber seit der Sache damals, seitdem ist der Siebener dauerhaft gesperrt. Da macht der Kiontke keine Ausnahme.

Jetzt steht da oben ein Mädchen mit raspelkurzen Haaren. Was das soll, das möchte der Kiontke mal wissen. Er kneift die Augen zusammen. Das Mädchen geht mit ruhigen Schritten bis vor zur Kante des Sprungbretts. Bis seine Zehen vorn über stehen. Sein Blick geht in die Ferne. Und dann breitet es die Arme aus, wie dieser Jesus in Rio de Janeiro. Und der Kiontke lässt das Megaphon sinken.

"Das Mädchen geht mit ruhigen Schritten bis vor zur Kante des Sprungbretts. Bis seine Zehen vorn über stehen. Sein Blick geht in die Ferne. Und dann breitet es die Arme aus."
Lydia Herms über "Seemann vom Siebener" von Arno Frank

Seit Jahrzehnten ermahnt der Kiontke seine jugendlichen Pappenheimer, wenn die zu viel Rabatz machen. Er ist streng, aber nie böse. Fotografieren ist verboten. Rennen am Beckenrand natürlich auch.

Und niemand geht hier ungeduscht ins Wasser. Nur die Isobel, die darf das. Die ist seine älteste Besucherin. Ihr Mann hat das Freibad gebaut. Ihr Mann ist heute tot. Genauso wie Kiontkes Mutter. Die ist auch tot. Und nicht nur die. Ein Tod nimmt den Kiontke besonders mit. Über den kommt er irgendwie nicht hinweg. Wenn er ehrlich ist. Aber darüber reden will er auch nicht. Bis jetzt. Bis sich dieses junge Mädchen traut, auf den Siebener zu klettern – und er sich, hinzusehen.

Das Buch:
„Seemann vom Siebener“ von Arno Frank, Tropen Verlag, 234 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 24 €, eBook: 18,99 €, Taschenbuch erscheint bald, ein Hörbuch gibt es auch, sehr gut gelesen von Hans Löw; Erscheinungsdatum: 18.03.2023

Der Autor:
Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment...
…wenn du die besten Freibadpommes der Welt genießt
vom 12. Mai 2024
Autorin: 
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova