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Esther, Protagonistin in Stefanie de Velascos Roman "Kein Teil der Welt", ist 16 Jahre alt und alles andere als glücklich, denn sie führt nicht das Leben, das sie sich wünscht. In ihrem Roman beschreibt Stefanie de Velasco die Gedanken einer jungen Frau, die aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausbrechen will.

Anbetungswürdig – Esther hasst dieses Wort. Und sie hasst es sich anbetungswürdig anzuziehen: Strumpfhose, Bluse, Rock. Alles von ihrer Mutter zurechtgelegt. Mit diesen Klamotten fühlt sich Esther immer zur Hälfte wie ein Kind und zur anderen Hälfte wie eine alte Frau, beschreibt Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms die Gefühle der 16-jährigen Protagonistin.

Ihre Mutter will Esther das neue Gebiet zeigen, in dem sie Menschen für die Wahrheit gewinnen wollen - von Tür zu Tür gehen, um über Jehova zu sprechen. Auch das hasst Esther, denn ihr fällt es nicht so leicht wie ihrer Mutter mit fremden Menschen freundlich über Gott zu reden, Bibelstellen vorzulesen oder Zeitschriften zu verkaufen.

"Esther hasst es, fremden Menschen Bibelstellen vorzulesen. Sie hasst es, Schriften zu verkaufen. Sie hasst es, immer lieb zu lächeln, 'anbetungswürdig' verkleidet."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin

Esther will nur zurück an den Rhein

Vier Wochen zuvor sind Esther und ihre Eltern nach Peterswalde gezogen. Seitdem drückt sich Esther vor dem Auspacken der Umzugskartons, vor der Schule und ganz allgemein vor dem Ankommen in ihrem neuen Zuhause. Am liebsten möchte sie sofort zurück an den Rhein, auf die Himbeerfarm und auf die kleine Bank vor dem Geräteschuppen. Doch sie sind über die nun offene Grenze von West nach Ost gefahren, da sie hier nichts mehr von Seiten der Regierung zu befürchten haben.

Die verschollene Freundin Sulamith

Wenn Sulamith jetzt da wäre, würde sie vermutlich laut loslachen, fluchen, wegrennen oder alles drei gleichzeitig. Sulamith ist wie Esther bei den Zeugen Jehovas und ihre beste Freundin. Gemeinsam haben sie das Klassenzimmer verlassen, wenn drinnen "Happy Birthday" gesungen wurde, denn Geburtstage feiern ist bei den Zeugen Jehovas nicht erlaubt.

Sulamith war für Esther der einzige Grund, mit Jehova und ihrem Leben fertig zu werden. Doch jetzt ist Sulamith verschwunden und alles, was bleibt sind Fragen und der immer größer werdende Wunsch, ein neues Leben zu beginnen.

"Esther hat diese eine Sulamith gereicht, um mit Jehova fertig zu werden. Aber jetzt ist Sulamith weg, und Esther weiß nicht, wo."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin

Denn erst durch Sulamith hat Esther angefangen, darüber nachzudenken, für wen sie eigentlich dieses Leben führt. Laut hat sie diese Fragen aber nie ausgesprochen, denn ihre Angst vor den Eltern ist noch größer als die vor der Strafe Gottes.

Ein aufklärender Roman

"Kein Teil der Welt" ist der zweite Roman von Stefanie de Velasco. Für die Geschichte der jungen Esther konnte die Autorin auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen, denn auch sie hat einen Teil ihrer Jugend in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verbracht.

Schriftstellerin Stefanie de Velasco
© imago images / Gerhard Leber
Schrifstellerin Stefanie de Velasco 2019

Der Roman ist dennoch nicht autobiografisch angelegt, sondern ein aufklärendes Buch, das tiefe, unbekannte Einblicke in einen bestimmten Teil unserer Gesellschaft gibt, der sich selbst nicht als Teil derselben begreift.

Das Buch

Stefanie de Velasco: "Kein Teil der Welt", Kiepenheuer & Witsch, 430 Seiten. Hardcover: 22 EUR, Taschenbuch: 12 EUR, E-Book: 4,99 EUR; ET: 10.10.2019