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Die Erzählung "Kleine Dinge wie diese" von Claire Keegan begleitet einen Mann in einer Kleinstadt, irgendwo im winterlichen Irland. Er hat etwas gesehen, das ihn nicht mehr loslässt - und er fragt sich, was er nun tun soll.

Malerisch liegt es da: das Kloster, auf dem Hügel hinter dem Fluss. Von Weitem sieht es aus wie ein Postkartenmotiv. Besonders jetzt im Winter, wenn die immergrünen Hecken und Bäume von Reif bedeckt sind.

Manchmal wirkt der märchenhafte Anblick aber auch unheimlich. Wer weiß, was dort geschieht? Erst gestern, am Sonntag, war der Holz- und Kohlehändler Bill Furlong dort oben. Die Nonnen, die das Kloster bewirtschaften und bewohnen, hatten zu spät bei ihm bestellt, zu spät für eine Lieferung am Samstag.

Normalerweise müssten sie bis nach den Feiertagen warten. Aber wegen der frostigen Temperaturen hat Bill eine Ausnahme gemacht. Das Kloster ist wichtig für die Stadt. Die Wäscherei, die Mädchenschule, der Chor – Bill kennt einige Leute, die von dem Kloster profitieren, darunter drei seiner fünf Töchter: Zwei von ihnen gehen bei den Nonnen in den Musikunterricht, eine singt im Chor.

Bills Füße gehen einfach zurück zum Kloster

Aber jetzt ist Bill ohne Auftrag unterwegs zum Kloster. Er hat die Räume seiner Firma abgeschlossen, hat seinen Arbeitern ein Weihnachtsessen im Restaurant spendiert. Er hat die Lackschuhe abgeholt, die er seiner Frau Eileen schenken wird. Er sollte nach Hause gehen, wo ihn seine Familie erwartet, seine Frau und seine Töchter. Aber seine Füße tragen ihn in die entgegengesetzte Richtung.

Ein Bild lässt ihn seit gestern nicht mehr los. Er kann es nicht länger ignorieren. Er muss zurück an diesen Ort, muss überprüfen, was er dort gesehen hat. Er muss sich vergewissern, dass es ihn nichts angeht, dass er nichts tun kann, so wie Eileen es ihm eingebläut hat, als er ihr davon berichtet hatte.

"Bill will damit nichts zu tun haben und spürt gleichzeitig, dass es ihn sein Leben lang verfolgen wird, wenn er jetzt diesem Bedürfnis nachgibt und wieder geht."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Autorin

Und alles ist genauso, wie er es befürchtet hat: Im Schuppen liegt das Mädchen Sarah, so wie gestern. Als wäre er nie dagewesen, als hätte er nicht wegen ihm mit der Mutter Oberin bei Tee und Gebäck gesessen, das ängstliche Mädchen schweigsam zwischen ihnen.

Sie hätten Verstecken gespielt und das Mädchen vergessen. So wurde ihm die Geschichte erzählt. Er wollte sie glauben, aber er konnte nicht. Wie auch? Als er sie gestern aus dem Schuppen zu den Nonnen gebracht hatte, da hatte sie ihn leise gefragt, wo ihr Baby sei. Und er hatte es überhört. Er hat sich verhalten wie jemand, den das nichts angeht. Aber das stimmt nicht. Es geht ihn etwas an. Darum ist er hier.

Das Buch: "Kleine Dinge wie diese" (OT: "Small Things Like These", 2021) von Claire Keegan, Steidl, aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser, 112 Seiten, erschienen am 31.01.2023.

Die Erzählung stand auf der Shortlist des Booker Prize.

Shownotes
Das perfekte Buch für den Moment...
...wenn du kurz davor bist, dich einzumischen
vom 12. März 2023
Autorin: 
Lydia Herms