Was passiert, wenn jemand Geliebtes stirbt? Eine Leere tut sich auf. Schmerz flutet alles. Erinnerungen verblassen – und dann? Irgendwann weicht die Leere, zieht sich der Schmerz zurück und das Leben schreibt neue Erinnerungen. Und was, wenn nicht?

Mitten in der Nacht steigt Paula über die Friedhofsmauer. Sie gruselt sich. Alles in ihr schreit: "Alarm!" Und: "Renn weg!" Aber Paula rennt nicht weg. Sie weiß nämlich, wer sich sofort beschweren würde, wenn sie jetzt ihrer Panik klein beigäbe. Und sie weiß auch, dass genau diese Person es megakrass fände, was sie hier anstellt.

Paula müsste alles ganz genau erzählen – wie das war, mit der Leiter, mit der Mauer, im Mondlicht. Und genau deswegen ist sie ja auch hier auf dem Friedhof. Zwei Jahre lang hat sie sich vorgestellt, wie das wäre: Herkommen, Hallo sagen und was erzählen. Aber bis jetzt hat sie sich nicht getraut.

"So ist das also, wenn man seinen kleinen Bruder auf dem Friedhof besucht. Und das soll jetzt helfen, oder was?!"
Lydia Herms über das Buch "Marianengraben"

Dann ist sie am Grab ihres Bruders. Auf dem Stein steht: "Tim: Abenteurer, Meeresforscher, weltbester Schwimmer, Bruder und Sohn." Darunter Geburts- und Sterbedatum. Tim wäre jetzt zwölf Jahre alt.

Paula stutzt. Sie hört ein leises Scharren. Und dann: ein ersticktes Stöhnen. Jemand flucht – gar nicht weit weg von ihr. Paula kann sich alles vorstellen: Totengräber. Grabschänder. Zombie. Was sie sich nicht vorstellen kann, ist, dass sie gleich einen Freund fürs Leben kennenlernen wird.

Nachts auf dem Friedhof

"Marianengraben" heißt Jasmin Schreibers Romandebüt über Paula, eine junge Frau, die sich zurück an die Wasseroberfläche kämpft – denn so tief wie der Marianengraben im Pazifik, so tief geht Paulas Schmerz über den Verlust ihres Bruders Tim. Tiefer als tief. Elftausend Meter tief.

Tim war von der Tiefsee begeistert. Er wollte Tiefseeforscher werden. Aber: Tim ist tot. Er ist im Urlaub ertrunken. Ausgerechnet er. Paula trauert. Immer tiefer versinkt sie, immer dunkler wird es um sie herum, immer weniger fühlt sie. Pathologisch hat die Psychiaterin das genannt.

Der Besuch auf dem Friedhof ist der Versuch, gesund zu werden. Und dann trifft sie ausgerechnet dort diesen alten Mann, der eine Urne ausgegraben hat, weil er ein Versprechen halten muss. Er muss dafür in die Alpen – zusammen mit seinem Hund.

"Dass Paula dort mitten in einer lauen Sommernacht plötzlich auf einen alten Mann mit Spaten trifft, ist mehr als ein seltsamer Zufall."
Lydia Herms über das Buch "Marianengraben"

Ein Wohnmobil, ein alter Mann, ein Hund und eine Urne auf dem Weg in die Alpen – das perfekte Setting für ein Roadmovie. Was Paula nach der Reise ihrem kleinen Bruder Tim erzählen wird, könnt ihr lesen. Ihr werdet viel lachen. Und viel weinen. Manchmal gleichzeitig.

Das Buch: "Marianengraben" von Jasmin Schreiber, erschienen am 28.02.2020 im Eichborn-Verlag, 252 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 20 Euro