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Yishai Sarid hat seinen Roman "Monster" in Briefform geschrieben – adressiert an den Direktor der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ein junger israelischer Historiker, der jahrelang als Tourguide gearbeitet hat, verprügelt eines Tages in der Gedenkstätte des Vernichtungslagers Treblinka einen deutschen Regisseur. In seinem Brief an den Direktor rekapituliert er, wie es dazu kommen konnte.

Der Protagonist des Romans, dessen Namen wir nicht erfahren, landet aus pragmatischen Gründen in der Holocaust-Forschung: Ursprünglich wollte er Diplomat werden, er schafft aber die Eignungsprüfung des Auswärtigen Amtes nicht.

Später promoviert er zum Thema "Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg". Er lernt Deutsch und arbeitet akribisch an dem Thema. Die Grausamkeit der Deutschen fasziniert ihn. Er reist nach Polen und besichtigt die Konzentrations- und Vernichtungslager Chelmno, Belzec, Treblinka, Sobibor, Majdanek und Auschwitz.

Dann wird er gefragt, ob er auch Schulklassen dorthin begleiten würde. Das Angebot ist zu gut, er nimmt es an.

"Das Honorar ist gut, sein Bedürfnis nach Anerkennung groß. Die Warnung, dass diese Arbeit ihn psychisch belasten könnte, ignoriert er."
Lydia Herms über den Roman "Monster" des israelischen Juristen und Schriftstellers Yishai Sarid
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Vor psychischer Belastung hat er keine Angst. Die Warnungen, die er erhält, ignoriert er. Er redet sich ein, dass er nur Fakten vermittelt. Den Fakten fühlt er sich gewachsen. Zu spät erkennt er, dass niemand den Fakten gewachsen ist, die durch die unmenschlichen und schrecklichen Geschehnissen in der deutschen Geschichte geschaffen wurden.

Nur die Besucher kehren in ihr normales Leben zurück

Die Besucher der Gedenkstätten kehren nach einer Woche wieder in ihre normalen Leben zurück. Sie schieben das, was sie gesehen haben, in ihren Köpfen weit nach hinten: die Schienen, die Baracken, die Folterkammern, die Öfen, die Massengräber. Sie entkommen "dem Monster der Erinnerung", geradeso. Der Tourguide kann das nicht, denn er bleibt und wartet auf die nächste Gruppe.

Der junge Historiker hat "das Monster" immer vor sich. Es lässt ihn nicht los – und nagt an ihm. Erst, als es fast schon zu spät ist, erkennt er, dass er nur zwei Möglichkeiten hat, sich zu retten. Er kann mit der Arbeit aufhören, nach Hause zurückkehren und versuchen, das Monster zu vergessen. Die andere Option: Er kann sich ihm stellen und sich gegen seine Grausamkeit wehren – notfalls mit Gewalt.

Das Buch

"Monster" (Originalitel: "Mifletzet HaSikaron") von Yishai Sarid, aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt von Ruth Achlama, erschienen bei Kein & Aber, 174 Seiten. Gebundene Ausgabe (Hardcover): 21 EUR, Taschenbuchausgabe: 12 EUR, E-Book: 11,99 EUR, ET: 04.02.2019 (das Taschenbuch erschien im Mai 2020).