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Wer von euch pendelt? Hasst ihr es oder liebt ihr es? Grüßt ihr eure Mitreisenden wie alte Kollegen, oder bleibt ihr lieber versteckt unter euren Noise-Cancelling-Kopfhörern und dem Griesgramblick? Ums Pendeln geht es auch im Buch "Neue Reisende" von Tine Høeg.

Er ist nicht da. Sie sucht den Bahnsteig nach ihm ab, aber er ist nicht da. Auch dann im Zug kann sie ihn nicht finden. Sie läuft durch jeden Wagen. Unmöglich, dass sie ihn übersehen hat. Warum sollte er sich ihr nicht zeigen? Sie fahren jeden Tag zusammen, seit mehr als einem Monat, zehnmal in der Woche, morgens hin, abends zurück.

Mehr als nur Pendler

Außerdem sind sie schon lange nicht mehr nur "Pendler auf derselben Strecke". Sie hat ihn bereits siebenmal nackt gesehen. Zweimal auf der Zugtoilette. Zweimal sind sie unterwegs ausgestiegen. Einmal hat sie sich dabei in einem Schuppen an einem Stück Stacheldraht verletzt.

Jetzt sprechen die Leute sie immer auf den Kratzer auf ihrer Stirn an. Und dreimal ist er nach der Arbeit mit in ihre Wohnung gekommen. Hat sein Fahrrad auf ihrem Hof abgestellt, mit dem Kindersitz auf dem Gepäckträger.

"Sie weiß nicht, warum er heute nicht im Zug sitzt. Und das überrascht sie. Also: wie sehr sie ihn vermisst. Und: dass er vorher nicht Bescheid gibt."
Lydia Herms über "Neue Reisende"

In ihrem Romandebüt "Neue Reisende" beschreibt die dänische Schriftstellerin Tine Høeg die Erfahrungen einer jungen Lehrerin. Im Rahmen ihrer Lehramtsausbildung unterrichtet sie erstmals an einer Schule. Dafür pendelt sie morgens und abends mit dem Zug. In diesem Zug lernt sie einen Mann kennen. Wie sie trägt auch er im Buch keinen Namen. Was wir wissen: Er ist Grafiker in einem Reisebüro. Er ist zehn Jahre älter als die junge Lehrerin. Er ist Vater. Und er ist verheiratet.

"Es hatte harmlos angefangen. Natürlich. Meistens fängt so was harmlos an."
Lydia Herms über "Neue Reisende"

Sie saßen sich eines Morgens gegenüber. Ihre Knie stießen versehentlich aneinander. Sie lächelten sich an, baten um Entschuldigung und kamen ins Gespräch. Seitdem sitzen sie immer zusammen. Sie trinken ihre Kaffees und unterhalten sich. Aber manchmal wollen sie mehr als nur reden.

Eine junge Lehrerin

Sie fühlt sich den Schülerinnen und Schülern näher als ihren Kolleginnen und Kollegen. Während man ihr im Lehrerzimmer rät, sich den Kindern nicht zu sehr zu offenbaren, mehr Autorität, weniger Kumpel zu sein, begrüßt sie ihre Klasse morgens mit "hey guys", verteilt ungefragt Spitznamen und umarmt euphorisch einen Schüler, als sie ihn in der Stadt trifft. Vor dessen Eltern.

Sie ist noch lange keine gute Lehrerin. Und sie ist eigentlich auch keine gute Liebhaberin. Bumsen auf der Zugtoilette findet sie genauso nervig, wie ein SMS-Schreibverbot. Sie wird sich was überlegen müssen.

"Neue Reisende" (OT: "Nye Rejsende") von Tine Høeg, aus dem Dänischen von Gerd Weinreich, erschienen am 07.02.2020 bei Droschl, 198 Seiten, 19 Euro.

Tine Høeg, geboren 1985, studierte Dänisch und Philosophie und lebt in Kopenhagen. Sie lieferte Beiträge für zahlreiche Zeitschriften und Anthologien und hat einen schmalen Band mit Gedichten sowie ein Hörspiel veröffentlicht. "Neue Reisende" ist ihr erster Roman.