Felicitas Hoppe war 35, als sie sich selbst mit einem Preisgeld eine sündhaft teure Weltumrundung schenkte, und zwar auf einem Containerschiff. Von Hamburg nach Hamburg, einmal rum. Dass man dabei eventuell etwas verrückt werden kann, belegt ihr Roman, den sie nach der Reise veröffentlichte. Das war 1999. Lydia Herms hat das Buch jetzt erst entdeckt.

Es ist ein schöner Morgen, als das Containerschiff den Hamburger Hafen verlässt: 163 Meter lang, 27 Meter breit, 45 Meter hoch. Bei voller Ladung trägt der Pott 1.700 Container mit einer maximalen Gesamtlast von 22.500 Tonnen. Diese Zahlen sind natürlich nur im ersten Moment beeindruckend, aber die allein reisende Frau an Deck ruft sich die Dimensionen ihres neuen "Zuhauses" doch noch einmal ins Gedächtnis. Jetzt ist es also so weit. Jetzt wird sie die Welt umrunden. So wie einst der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan und seine Crew vor fast 500 Jahren.

Überleben trotz Meuterei und Hungersnot

Begleitet wurde Magellan 1519 auch vom italienischen Edelmann Antonio Pigafetta. Der überlebt die drei Jahre dauernde Mammutreise, trotz Meuterei, Hungersnot und anderer Querelen. Magellan selbst und der größte Teil seiner mehr als 200 Mann zählenden Segelmannschaft überlebt hingegen nicht. Ein paar Jahre später, vermutlich 1524, schreibt Pigafetta seine Erinnerungen an die Reise auf.

Auf einem Frachter mit dem Ehepaar Happolati

In "Pigafetta" verarbeitet Felicitas Hoppe ihre eigenen Erfahrungen einer Weltumrundung und erzählt von einer namenlosen Frau, die sich ebenfalls mit einer Handvoll zahlender Gäste auf ein Schiff begibt. Darunter die junge, frisch vermählte Frau Happolati. Ihr Angetrauter ist Makler aus Bremerhaven. Er liebt sie sehr - und lobt sie ständig für ihre Tüchtigkeit im Job und für ihre Schönheit im Wind, wenn sie an der Reling steht und dabei versucht, sich eine Zigarette anzuzünden.

Herr Happolati ist sich ganz sicher, dass seine Frau das alles mag. Das Meer, das sich an den ersten Tagen der Reise so gar nicht beruhigen will, die Container, deren Inhalt nicht einmal dem Kapitän bekannt ist, und auch die Offizierskabine, in der Frau und Herr Happolati ihre Nächte verbringen. Frau Happolati schweigt dazu.

"Dass ausgiebiges Erbrechen auf den billigen Bettvorleger keine schöne Erinnerung an eine Hochzeitsreise ist, ignoriert Herr Happolati geflissentlich und plant bereits weitere Reisen mit dem Frachter."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Die allein reisende Frau beobachtet ihre Mitreisenden sehr genau. Auch den Koch, der sich stets in der Kombüse versteckt hält. Er hat nur ein einziges Kochbuch dabei, für drei Mahlzeiten pro Tag, für insgesamt mehr als einhundert Tage Reisezeit, und das für 17 Mann und ein paar zahlende Gäste. Außerdem ist er ständig seekrank. Obendrein kann er nicht abschmecken. Eventuell ist er gar kein Koch.

Und dann trifft sie auch noch Pigafetta: Jeden Abend, wenn sie in ihre Kabine kommt, sitzt er schon an ihrem Bett. Vielleicht ist es auch nur sein Geist - wer weiß das schon so genau. Auf jeden Fall berichtet er Nacht für Nacht von seinen Abenteuern mit Maghellan.

"Unsere allein reisende Frau erfährt, dass es auf Schiffen weder Neuigkeiten noch Geheimnisse gibt, weder Einsamkeit noch Geselligkeit, und dass es drei Sorten von Seekrankheit gibt: die im Bauch, die im Kopf und die im Herzen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Felicitas Hoppe ist 1960 in Hameln geboren. Sie lebt als Schriftstellerin in Berlin. 1996 erschien ihr Debüt "Picknick der Friseure" (Kurzgeschichten). 1999, nach einer Weltreise auf einem Frachtschiff, folgte dann der Roman "Pigafetta". Seitdem hat sie noch viele weitere Romane geschrieben und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. 

In einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte sie zu ihrer Weltreise: "Die Vorstellung, ich könnte um die Welt fahren, ohne ein einziges Mal auszusteigen, fand ich fantastisch. Ich habe sofort angerufen und gebucht. Billig war es nicht, die Fahrt dauerte vier Monate und kostete 20 000 D-Mark. Die Mannschaft bestand aus 17 Leuten: dem Kapitän, ein paar Offizieren und der Decksmannschaft, Philippinos. Die Vorstellung, dass ich mich zum Vergnügen auf dieses Schiff begebe und dafür eine Summe ausgebe, für die andere lange arbeiten müssen, hat mich gequält."

Das Buch:

"Pigafetta" von Felicitas Hoppe, Debütroman (1999), erschienen bei Rowohlt, die aktuell erhältliche Taschenbuchausgabe erscheint bei Fischer, 160 Seiten, 8,95 Euro.