In "Ungefähre Tage" erzählt Annika Domainko von Grenzüberschreitung und Machtmissbrauch in einer psychiatrischen Klinik - von einem Pfleger, der angesichts einer Patientin seine Verantwortung vergisst.

Grüns Lunge brennt. Sein Herz schlägt so laut in seinem Körper, dass es alles übertönt. Auch die Musik, die er beim Laufen hört. Nur die Gedanken nicht. Er zieht das Tempo an. Als könnte er so seinen Gedanken entkommen. Aber das klappt natürlich nicht.

Was genau hatte er in der Nacht gesehen, als er im Stationszimmer auf den Bildschirm gestarrt hatte? Und was hatte sie gesehen, als sie plötzlich zurück gestarrt hatte, wie ein Geist, direkt in die Kamera über ihr? Wusste sie, dass sie beobachtet wird?

Die neue Patientin kommt in der Nacht

Laut Übergabegespräch hatte sie am Abend versucht, sich mit der Scherbe einer zerbrochenen Kaffeetasse die Pulsadern aufzuschneiden. Ihr Zustand sei psychotisch gewesen. Sie hatte weder gewusst, wo sie war noch wer. Sie hatte nur immer den Satz wiederholt, dass etwas ihre Schuld sei. Man hatte ihr etwas zur Beruhigung gespritzt, sie geduscht und ins Isolationszimmer verlegt. Weil Grün diese Woche Nachtschicht hat, war er nicht dabei. Das ärgert ihn. Er wäre gern dabei gewesen.

Grün wird zum Voyeur

Und dann hatte er sie beobachtet. Sie da drinnen, er da draußen. Sie vor der Kamera, er vor dem Bildschirm. Er wusste, dass er sich falsch verhielt. Obwohl er sich einen Kaffee holte, als sie sich auszog, um sich an dem Waschbecken zu waschen.

Grün ist seit knapp einer Stunde unterwegs. Es geht ihm trotzdem nicht besser. Also trabt er zurück, zurück nach Hause. Zu seiner Freundin Josefine, zu seiner kleinen Tochter Maja, zurück zur tröstlichen Routine. Aber in Gedanken ist er immer nur bei ihr. Bei der Patientin aus Zimmer 124. Die ihm so fremd ist und doch so nah.

Man wird es herausfinden

Grün weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ihm jemand auf die Schliche kommt. Die Journalistin vielleicht, die seit drei Wochen durch die Klinik geistert, um eine Reportage über den Klinikalltag zu schreiben. Wenn diese Frau wüsste, dass Grün die Aktenvermerke der Patientin manipuliert, um mit ihr allein sein zu können. Wenn die Journalistin wüsste, dass er diese Patientin "Kind" nennt und dass er sie berührt - wäre dann endlich Ruhe?

Das Buch: "Ungefähre Tage" von Annika Domainko, C. H. Beck, 221 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 23 Euro, E-Book: 17,99 Euro; ET: 26.01.2022