• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Bei der namenlosen Ich-Erzählerin im Romandebüt "Wie die Gorillas" von Esther Becker sind es die Hände. Die mag sie. Und sie wird viele Jahre brauchen, bis sie die Liste um weitere Körperteile ergänzt.

Im Buch passen diese Jahre in zweiunddreißig kurze Kapitel. Die Kapitel wirken wie knackig kurze Szenen, die sich grell beleuchtet auf einer spärlich eingerichteten Bühne ereignen, eine nach der anderen: Licht an, Licht aus.

In den Hauptrollen: drei Körper, die wachsen und sich verändern

Es sind Körper, die von Menschen bewertet, berührt, ignoriert oder verachtet werden. Von den Eltern, von Mitschülern und Mitschülerinnen, von Vorgesetzten, von Menschen in Arztpraxen, in Yoga-Studios oder auf Theaterbühnen.

Diese drei Körper gehören Olga, Svenja – und der namenlosen Erzählerin, drei Freundinnen, die eine Weile gemeinsam durch das Leben taumeln, die sich in der Umkleidekabine die Luft abdrücken, um ohnmächtig zu werden. Die Tampons in Wodka tränken, um einen Vollrausch, aber keine Fahne zu haben. Die sich aus Neugier die Brüste abbinden und dann mit einem ungewohnten Gefühl von Freiheit durch ihr Viertel stolzieren: Wie die Gorillas – nicht wie Mädchen mit Brüsten.

"Ist das der Normalfall? Sich frei zu fühlen, wenn man keinen Busen hat? Und im Umkehrschluss: sich unfrei zu fühlen, wenn man einen hat?"
Lydia Herms über den Roman "Wie die Gorillas" von Esther Becker

Svenja wird Theaterschauspielerin und will auf der Bühne sehr oft ihren Busen zeigen. Olga studiert gegen den Willen ihrer streng religiösen Eltern Medizin und fährt in ihrer Freizeit Motorrad in den Alpen.

Während die beiden Frauen sich im Laufe der Jahre mit ihren Körpern und ihren Unfreiheiten arrangieren, kommt ihre namenlose Freundin immer weniger klar.

"Sie kann das nicht. Und sie will das nicht. Sie spürt sich nicht. Und sie mag sich nicht."
Lydia Herms über den Roman "Wie die Gorillas" von Esther Becker

Nur manchmal geht es ihr gut. Als sie sich ein Tattoo stechen lässt zum Beispiel. Aber das reicht nicht, um sich wertvoll zu fühlen. Oder 'normal'. Sie braucht was Stärkeres. Sie braucht Hilfe und ein anderes Gefühl für sich, gewissermaßen ein eigenes Ich. Und die Namenlose macht einen Anfang – indem sie endlich darüber spricht.

Das Buch

"Wie die Gorillas" von Esther Becker, Verbrecher-Verlag, 154 Seiten, Taschenbuchausgabe: 19 Euro, E-Book: 14,99 Euro; ET: 19.01.2021