In "Zugwind" erzählt die ukrainische Ärztin und Schriftstellerin Iryna Fingerova von Mira und ihrer innerlichen Zerrissenheit. In Miras Heimatland, das sie vor Jahren verlassen hat, herrscht Krieg. Sie spürt: Sie muss zurück. Zurück nach Odessa.
Es ist ihre kleine Tradition: Wenn Mira, ihre kleine Tochter Rosa und ihr Mann Andrij im Auto sitzen, auf dem Rückweg von einem Ausflug in irgendein entlegenes Dorf, dann schreien sie um die Wette.
Rosa hatte damit angefangen, vielleicht aus Wut. Mira hatte mit eingestimmt, vielleicht aus Mitgefühl. Und weil das am Ende ziemlich witzig war, hat Andrij auch mitgemacht. Seitdem gibt es die Tradition: Rosa dirigiert, während sie über die Autobahn rasen und die drei schreien alles aus sich heraus.
Schrei nach Leichtigkeit
Wäre es nur immer so leicht. Mira ist Ende zwanzig, als Russland die Ukraine überfällt und einen Krieg beginnt, der bis heute anhält. Mira ist Jüdin aus Odessa. Sie ist fünf Jahre zuvor mit Andrij nach Deutschland gezogen, um rauszukommen und was Neues zu probieren. Heute ist Mira eine engagierte Hausärztin. Ihr Sprechzimmer wird zum Refugium.
Seit dem 24. Februar 2022, seit dem russischen Angriffskrieg auf ihr Heimatland, verspürt Mira immer wieder einen kalten Wind durch ihr Leben ziehen, den sie anfangs nicht benennen kann.
Sie hat auch keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn in ihre Sprechstunde kommen immer mehr Menschen, die vor dem Krieg nach Deutschland geflohen sind und irgendwas haben: was mit der Schilddrüse, was am Herzen, was am Rücken.
Zwischen den Welten
Diese Menschen sehnen sich nach einer klaren Diagnose. Eine Diagnose gibt ihnen das Gefühl von Kontrolle in einer Zeit, in der sie mit einem Bein in Deutschland, mit dem anderen in der Ukraine stehen. In Sicherheit und doch in Gefahr, froh darüber, am Leben zu sein und gleichzeitig beschämt, weil ihre Familien, Freund*innen oder Kolleg*innen dortgeblieben sind.
Mira kennt das Gefühl, sie fühlt es auch. Mit jedem Monat, der vergeht, mit jedem Jahr, in dem der Krieg weitergeht, spürt sie es mehr. Es zieht. Aber sie braucht Kraft – und Hoffnung. Für ihre Patient*innen, für sich, für Rosa. Darum muss sie zurück. Nach Odessa.
Das Buch:
"Zugwind" von Iryna Fingerova. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Jakob Walosczyk, Teile des Romans hat Iryna Fingerova auf Deutsch geschrieben. Rowohlt, 300 Seiten. Hardcover: 24 Euro, E-Book: 19,99 €, Hörbuch, gelesen von Lisa Hrdina: 20,95 Euro. Erschienen am 20.02.2026
Die Autorin:
Iryna Fingerova, geboren und aufgewachsen in Odessa, lebt heute in Deutschland und arbeitet als Ärztin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihr Schreiben umfasst Erzählungen, Romane, Theaterstücke, Essays und Kinderbücher. Iryna Fingerova ist Gründerin und Kuratorin des in Odessa ansässigen Theaters der Ohren. "Zugwind" ist ihr dritter Roman und der erste, den sie in Teilen auf Deutsch verfasst hat.
