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Die Zahlen der Corona-Neuinfektionen steigen. Und das werden sie trotz überstürztem Lockdown bis Ende Dezember tun. Davon ist der Intensivmediziner Stefan Kluge überzeugt. Er plädiert
für eine Tracing-App wie in Süd-Korea und eine Strategie für Schulen und Alten- und Pflegeheime.

"Meine große Sorge ist, dass wir die Feiertage überstehen. Denn die Infektionszahlen der letzten zwei Wochen werden sich auf die Anzahl stationärer Patienten weiter auswirken. Der Lockdown selbst wird erst nach zwei, drei Wochen Wirkung zeigen." Mit diesen Worten kommentiert Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die aktuellen politischen Maßnahmen.

Steigende Corona-Zahlen und gleichzeitig zu wenige Daten

Es scheint, als seien steigende Zahlen unausweichlich, denn Weihnachten mit seinen Familientreffen steht vor der Tür. Und vorher wollen zudem alle noch alles erledigen - vom Glühweintrinken über den Friseurbesuch bis zum Shoppen. Daher sei es aus Sicht des Intensivmediziners wichtig, sich bis zum Beginn des Lockdowns so zu verhalten, dass wir keine zusätzliche Infektionen provozieren.

"Zum großen Teil wissen wir immer noch nicht, wo sich die Menschen anstecken."
Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Vorhersagen für Anfang Januar zu treffen, findet Kluge schwierig. Bis jetzt wurde das Virus seiner Beobachtung nach unter- oder überschätzt. Er beschreibt die Pandemie als "extrem dynamisch". Deswegen bleibe nichts anderes übrig, als die Wirkung der Maßnahmen abzuwarten. Das erste und wichtigste Ziel sei es, die Infektionszahlen und die Zahlen derer, die auf Intensivstationen liegen, zu senken.

Derzeit gibt es in Deutschland 4.700 Intensivpatienten (Stand: 14.12.2020). Angesichts dieser Zahl und der Tatsache, dass wegen der anstehenden Feiertage die Zahlen nicht sinken werden, warnt er davor, sich Illusionen bezüglich einer Lockerung zu machen: "Wir werden noch länger brauchen als bis zum 10. Januar", sagt er.

Auf der Suche nach einer langfristigen Strategie

Gleichzeitig plädiert er dafür, eine Strategie für die Zeit nach dem Lockdown zu erarbeiten. Vor allem, wann und wie Schulkinder und Menschen in Pflegeheimen getestet werden können. Aber er findet auch, dass ernsthaft über eine bessere Corona-App nachgedacht werden sollte. Damit meint er eine Tracing-App.
"Ich finde eine App wie in Südkorea, mit der man Kontakte nachverfolgen kann, schon charmant."
Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Eine App sei der einzige Weg, so Kluge, um mehr auswertbare Daten darüber zu bekommen, wo Menschen sich anstecken. Stand jetzt, so Kluge, wüsste man einfach zu wenig darüber. Zwar sei der private Bereich mit Sicherheit ein Hauptort, an dem das Virus verbreitet werde. Hinzu kämen die Ausbrüche in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Immer noch sei aber unklar, wie hoch das Risiko zum Beispiel beim Einkaufen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Friseur sei.

"Wenn man weiß, wo sich Menschen nicht anstecken, könnte man diese Bereiche wieder aufmachen."
Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Stefan Kluge, über die Vorteile einer Tracing-App

Kluge kennt das große Gegenargument: Eine Tracing-App, das habe doch mit Überwachung zu tun. Und er ist sich der rechtlichen Lage bewusst: In Deutschland wäre eine solche Nachverfolgung datenschutzrechtlich nicht möglich. Seiner Meinung sei die Maßnahme aber nötig. Zunächst brauche es aber die Bereitschaft der Menschen. "Wenn die nicht da ist, dann braucht man darüber gar nicht nachzudenken."