Von Deutschland über Marokko bis nach Senegal, Mauretanien, Mali, Guinea und wieder zurück. Und das alles, ohne zu fliegen. Lukas Bliss ist nach Westafrika gereist, um sich mit unserer Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen und die eigenen Privilegien zu reflektieren.

Lukas lebt in Berlin und ist in der Klimabewegung aktiv. Fliegen will es* in den nächsten zehn Jahren nicht mehr. Nach dem Philosophie-Bachelor hat Lukas sich ein Jahr lang eine Auszeit genommen. Das Ziel: Westafrika. Über Marokko, die Westsahara, Mauretanien ist es zusammen mit einer Gruppe von Reisenden aus Norwegen bis nach Senegal gefahren. Nach fünf Monaten in Senegal, Mali und Guinea ist Lukas zurück nach Berlin getrampt. Über die Reise spricht Lukas auch in einem Podcast.

Ein großer Topf für alles

Lukas ernährt sich eigentlich vegan, hat in Westafrika bewusst keine Tiere gegessen. Das Ideal, dass kein Löffel und kein Messer mit Fisch oder Fleisch in Berührung kommen darf, musste es aber schnell aufgeben. Im Senegal wird in der Regel alles in einem großen Topf gekocht – häufig Gemüse, Reis und Fisch.

"Das senegalesische Nationalgericht besteht aus Reis mit Fisch und Gemüse. Außerdem gibt es dort viel Streetfood, zum Beispiel Bohnenpaste und frittierte Leckereien."
Lukas Bliss
Lukas Bliss in Westafrika
© Lukas Bliss
Lukas reiste immer über Land, nutzte keine Flugzeuge.

Lukas sei es wichtig gewesen, keine Tiere zu essen. Wenn aber ein Tier im selben Topf wie der Reis gekocht wurde, war das irgendwann in Ordnung - sonst hätte es nämlich fast gar nichts essen können.

An die physischen und psychischen Grenzen

Eine vernünftige Grundlage ist aber mehr als notwendig, gerade wenn man in Westafrika unterwegs ist: Lukas hat bei der langen Reise auch die eigenen körperlichen Grenzen kennengelernt. Die bestimmte Art der Isolation und die Anstrengungen des Rucksackreisens und Trampens haben es außerdem auch psychisch ausgezehrt.

In Guinea war Lukas nur zwei Wochen, verließ das Land früher als geplant. Es hat dort wundervolle Menschen kennengelernt, erinnert sich Lukas, doch weil das Land so große Probleme habe, die zum großen Teil auch mit der kolonialen Vergangenheit zusammenhängen, habe es dort das meiste Elend auf der ganzen Reise gesehen. Auf dem Land in Guinea ging es nur per Motorrad-Taxi voran. Autos, Busse oder Vans gab es dort nicht. In den Läden wurde Lukas von 10-12-jährigen Kindern bedient.

"Meine Intention war, mich mit meinen Privilegien und unserer kolonialen Geschichte zu beschäftigen."
Lukas Bliss

Lukas versuchte auch, den Menschen die eigene (globalisierte) Weltsicht zu erklären, erzählt es, zum Beispiel die eigene Entscheidung, vegan zu leben. Es merkte aber schnell, dass die Menschen dort in einer völlig anderen Realität stecken, in der es gar nicht möglich ist, bestimmte Überzeugungen zu leben: "Ich bin dann schnell ruhig geworden und habe mir gedacht, ich höre besser einfach mal zu."

Lukas Bliss in Westafrika / Dromedare am Straßenrand
© Lukas Bliss
Häufige Begegnung in westafrikanischen Staaten

Eine völlig andere Perspektive

Das Fliegen etwa sei eine Normalität für die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung – eine absurde privilegierte Normalität, findet Lukas, die global nicht aufrechtzuerhalten sei.

"Fliegen ist eine absurde Normalität für die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung."
Lukas Bliss

Was die koloniale Vergangenheit Europas in Afrika betrifft, hat Lukas zwar nicht eine zentrale, griffige Erkenntnis aus der Reise gewonnen. Doch es hat viele erkenntnisreiche Momente erlebt und stärker begriffen, wie wichtig es ist, noch mehr zuzuhören, was BIPoC zu sagen haben. Besonders, wenn es um Migration nach Deutschland geht, müssten wir sehr vorsichtig mit schnellen Rückschlüssen sein, findet Lukas.

Koloniale Dynamik bis heute

Koloniale Dynamiken seien noch sehr präsent. Seltenst seien Menschen auf Lukas zugekommen und hätten es als weißen Menschen aus Europa Vorwürfe gemacht oder gar beschimpft. Eher im Gegenteil: Aufgrund der weißen Hautfarbe hätten viele Menschen eher zu Lukas "aufgeblickt" und europäische Länder "in den Himmel gelobt". Häufig habe es dann gedacht: "Nein, Fuck. Deutschland ist gar nicht so cool, wie ihr denkt!"

Das ganze Gespräch mit Lukas könnt ihr hören, wenn ihr oben auf den Playbutton klickt.

*Anmerkung: Lukas ordnet sich selbst keinem binären Geschlecht zu, spricht von sich nicht als Mann, sagt auch nicht "er" sondern bevorzugt "es". Wir kommen in diesem Text Lukas' Selbstverständnis nach.