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Shanghai war während des Zweiten Weltkriegs ein Zufluchtsort für Juden aus Europa. Heute wird in China wieder daran erinnert, auch um die Herrschaft der kommunistischen Partei zu legitimieren. Ein Vortrag des Germanisten Thomas Pekar.

In den Jahren 1938 bis 1939 flohen circa 18.000 bis 20.000 europäische Juden nach Shanghai. Die Stadt war für die meisten kein Wunschziel, sondern einer der wenigen erreichbaren Exilorte, weil man kein Visum oder andere Papiere benötigte. Das erzählt der Germanist Thomas Pekar in seinem Vortrag.

"Wer nach Shanghai emigrierte, hatte in der Regel keine Wahl."
Thomas Pekar, Germanist

Shanghai war damals eine durch den zweiten japanisch-chinesischen Krieg in großen Teilen zerstörte Stadt, besonders der Stadtteil Hongkou. Um dort leben zu können, mussten die jüdischen Emigrant*innen Kriegstrümmer beseitigen und Häuser wiederaufbauen. Man versuchte, erzählt Thomas Pekar, sich einen mitteleuropäisch geprägten Lebensbereich zu erschaffen.

Ghetto im Shanghaier Stadtteil Hongkou

Doch 1943 zwang die japanische Militärverwaltung, alle nach 1937 emigrierten Juden und Jüdinnen in einige wenige Straßenzüge von Hongkou überzusiedeln. Dieser Bereich wurde als "Shanghaier Ghetto" bekannt. Die Lebensbedingungen verschlechterten sich massiv, viele starben an Unterernährung.

"In Shanghai geriet das jüdische Exil für fast vierzig Jahre in Vergessenheit."
Thomas Pekar, Germanist

Was passierte mit dem jüdischen Migrationsort Shanghai nach dem Zweiten Weltkrieg? Diese Frage steht im Mittelpunkt von Thomas Pekars Vortrag. Fast alle jüdischen Exilanten verließen Shanghai nach 1945. Lange Zeit geriet das jüdische Exil in Shanghai in China in Vergessenheit.

Heute wird in China wieder daran erinnert. Das chinesische Volk, so die offizielle Version, habe den Geflüchteten nicht nur Schutz vor den deutschen Nationalsozialisten geboten sondern auch vor der japanischen Besatzungsmacht.

"Dieses Narrativ ist nach wie vor von großer Aktualität im gegenwärtigen China. Es trägt zur Legitimation der Herrschaft der kommunistischen Partei Chinas bei."
Thomas Pekar, Germanist

Dieses Narrativ habe große Aktualität in China und diene der Regierung zur Legitimation der Herrschaft der kommunistischen Partei Chinas, sagt Thomas Pekar. In seinem Vortrag schlägt er eine differenziertere Betrachtung vor.

Thomas Pekar ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaften an der Gakushuin Universität Tokyo. Sein Vortrag hat den Titel "Kontroversen um die Einschätzung der japanischen Judenpolitik in Shanghai während des Zweiten Weltkriegs". Er hat diesen Vortrag am 13. Januar 2023 an der Europa Universität Viadrina gehalten im Rahmen des Forschungskolloquiums "Diaspora, Exil, Migration – Methodische und theoretische Neuansätze".

Shownotes
Erinnerungskultur
Jüdisches Exil in Shanghai
vom 08. September 2023
Moderation: 
Sibylle Salewski
Vortragender: 
Thomas Pekar, Germanist, Gakushuin Universität Tokio