Es gab mal Zeiten, da haben die Menschen nicht lange gefackelt, sind auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Heute vergibt man schneller "Likes" und zeigt seine Haltung auf der Profilseite. Der Syrer Firas Al Shater will dieses Verhalten für seine Aktion #maketwitterred nutzen.

Warum gehen wir nicht alle auf die Straße und protestieren gegen den Krieg in Aleppo? Wir sehen schreckliche Bilder aus dem Ostteil der Stadt, getötete Zivilisten, die auf den Straßen liegen, Angehörige, die um die Opfer weinen. Mittendrin Kinder, tot oder von Bombendetonationen verletzt und beschmutzt, zu tiefst schockiert, Angst erfüllt, den puren Schrecken ins Gesicht geschrieben.

Wir sind schockiert. Auf Facebook liken wir Posts aus Aleppo, die uns zum Protest, zur Solidarität und Hilfe aufrufen. Doch die großen Solidaritätsdemonstrationen bleiben aus. Warum? Unser Reporter Christian Schmitt hat Passanten gefragt.

"Ich habe noch nie richtig protestiert. Ich habe noch nicht den richtigen Willen, die nötige Zeit."
Passant
"Facebook ist eher still. Draußen ist alles viel intensiver. Ich mach das lieber im Stillen, als protestieren zu gehen."
Passantin

Seit Twitter und Facebook seien die Demonstrationen nicht weniger geworden, sagt der Protestforscher Simon Teune. Die sozialen Medien dienen vor allem dem Austausch und dazu, die eigene Meinung zu artikulieren und zu bilden. Facebook kann bei der Organisation von Protesten nützlich sein, sagt der Wissenschaftler.

"Die Protestzahlen sind nicht rückläufig seit es Facebook gibt."
Simon Teune, Protestforscher

Im Falle von Aleppo sei es so, sagt der Protestforscher, dass ein bestimmter Verantwortlicher für das Leid nicht identifiziert werden könne. Die Konfliktlage ist sehr unübersichtlich für Außenstehende, deshalb sei es schwieriger, Menschen für eine Demonstration zu mobilisieren. Für potentielle Demonstranten stelle sich auch immer die Frage: Welche Auswirkung hat die Protestaktion? Werden sich die Politiker davon beeindrucken lassen?

"Immer wenn man auf die Straße geht und sich für die Rechte der Menschen einsetzt, die das nicht so gut für sich selber können, dann wird man in jedem Fall etwas erreichen, solange man das in einer großen Gemeinschaft macht."
Sophia

Unser Reporter Christian ist am Ende versöhnlich. Wenn die Likes auf Facebook oder die Hashtag-Aktionen auf Twitter dazu führen, dass am Ende wirklich Menschen für eine gute Sache auf die Straße gehen, dann sind das gute Protestformen.

"Macht es Sinn, auf die Straße zu gehen? Was bewege ich damit? Wenn ich Aussicht darauf habe, tatsächlich etwas zu bewegen, in die Nachrichten zu kommen, Entscheidungen zu beeinflussen, dann ist das eine große Motivation."
Simon Teune, Protestforscher

Der Syrer Firas Al Shater versucht mit seiner Aktion #maketwitterred ebenfalls die Menschen zum gemeinsamen Protest zu bewegen und ihre Profilbilder rot einzufärben. Rot steht für ihn für das Blut, das in Aleppo vergossen wird.

Firas Al Shater, Syrer
"Das Blut ist in Aleppo auf der Straße und überall in Syrien. Man sieht es und schaut einfach weg."

Firas sieht seine Aktion aber auch ganz realistisch. Den Menschen in Aleppo bringt die Aktion nichts direkt. Aber sie schafft Aufmerksamkeit. Firas ist sich sicher: Wenn nur ein Bruchteil dessen, was in Aleppo passiert, in Europa sich ereignen würde, würden alle sich solidarisieren und helfen.

"Aleppo ist weit weg, es ist eine andere Kultur, andere Menschen, das interessiert die Menschen hier in Europa nicht."
Firas Al Shater, Syrer

Firas lebt hier in Deutschland und sieht jeden Tag Bilder aus Aleppo. Die Machtlosigkeit macht ihn fertig. "Das einzige, was ich machen kann, ist den Blick darauf zu lenken und zu zeigen, was dort passiert mit Videos auf Twitter und Facebook."