In einer Stellungnahme hat der Deutsche Ethikrat unseren Umgang mit Nutztieren kritisiert. Der Tierschutz ist in Deutschland zwar streng geregelt - Übergangsphasen und Tricks führten aber dazu, dass er nicht umgesetzt wird.

Regelmäßig veröffentlicht der Deutsche Ethikrat Stellungnahmen zu ethisch schwierigen Themen - zuletzt zu unserem Umgang mit Tieren, die wir halten um sie zu essen.

"Ich kenne kein einziges Rechtsgebiet, in dem so heuchlerisch vorgegangen wird wie im Tierschutzrecht."
Steffen Augsberg, Jurist und Mitglied des Deutschen Ethikrates

Auf einer Pressekonferenz des Deutschen Ethikrats sagte Jurist Steffen Augsberg, dass er kein Rechtsgebiet kenne, in dem so heuchlerisch vorgegangen werde wie im Tierschutzrecht. Denn die Regelungen seien zwar streng - in der Realität werde den Tieren aber oft routinemäßig Schmerzen hinzugefügt.

Tierschutzrecht wird oft nicht in die Tat umgesetzt

So steht etwa im Tierschutzgesetz: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". Praktiken wie die Kastenstand-Haltung von Sauen oder das sogenannte Kükenschreddern sind zwar umstritten, bekommen aber dennoch immer wieder Recht. Denn was ein "vernünftiger Grund" und was "Schmerzen, Leiden oder Schäden" sind, kann unterschiedlich ausgelegt werden.

Recht ist nicht gleich Recht

So hat etwa das Oberverwaltungsgericht Münster 2016 entschieden: Die Aufzucht der männlichen Küken ist unwirtschaftlich - das Töten ist also ein vernünftiger Grund. Im Revisionsverfahren 2019 hat das Bundesverwaltungsgericht schließlich dagegen entschieden und beschlossen, dass das Töten aus wirtschaftlichen Gründen kein vernünftiger Grund im Sinne des Gesetzes ist. Aber: Bis es Alternativen gibt, ist das Töten der männlichen Küken weiterhin erlaubt.

"Solche Übergangsphasen dauern zum Teil jahrelang. Das ist ein eklatantes Problem und wir fordern, dass solche langen Übergangsphasen in bestimmten Bereichen bis 2027 abzulehnen sind."
Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats

Der Appell des Ethikrats richtet sich aber weniger an die Konsumierenden von Fleisch und Eiern, sondern an die Politik. Sie soll Tranformationsprozesse in Gang setzen, also Regelungen schaffen und diese ohne lange Übergangsphasen durchsetzen.

Kastenstand-Haltung immer wieder in der Kritik

Gerade die Kastenstand-Haltung von Säuen steht immer wieder in der Kritik: Zuchtsäue werden einen Großteil ihrer Lebenszeit in Kastenständen gehalten, also in einem Gitterstall, der kaum breiter ist als die Sau selbst. Die Argumente für die Haltung: In einem solchen Gitterstall kann sich die Sau nicht so leicht drehen und so sich und die Ferkel nicht verletzen.

In der Tierschutzverordnung steht: "Kastenstände müssen so beschaffen sein, dass jedes Schwein ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken kann." Tierschützer fordern, solche Kastenstände ganz abzuschaffen. Bundesagrarministerin Julia Klöckner will erreichen, dass die Säue weniger Zeit in den Kastenständen verbringen. Dafür soll eine Übergangsfrist von 15 Jahren gelten, damit die Landwirte umbauen können.

Ethikrat kann nur Empfehlungen aussprechen

Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats gilt als Empfehlung. Er ist ein Sachverständigenrat mit 26 Mitgliedern, die zur Hälfte von Bundestag und Bundesregierung vorgeschlagen und zur anderen Hälfte vom Bundestagspräsidenten für vier Jahre berufen werden. Mitglieder dürfen nicht zusätzlich in Bundes- oder Landesregierung oder im Bundestag vertreten sein.

Per Gesetz ist es ihr Auftrag, sich mit Fragen der Lebenswissenschaften zu befassen. Beispielsweise haben sie auch schon Stellung zu Themen wie Präimplantationsdiagnostik bezogen. Obwohl es sich nur um Empfehlungen handelt, finden die Stellungnahmen viel Gehör.

"Gute Ernährung mag ein Menschenrecht sein, täglich ein T-Bone-Steak ist es aber nicht."
Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats

Geäußert hat sich der Deutsche Ethikrat zu unserem Umgang mit Nutztieren, weil das Wohl und die Rechte von Tieren zwar zunehmend Thema von öffentlichen Debatten seien, das Tierschutzrecht aber regelmäßig unterwandert werde. In der Stellungnahme heißt es deswegen, dass wir den Wert von Nutztieren mehr anerkennen, auf bessere Haltung achten, bewusster und weniger konsumieren und Fleischersatzprodukte fördern sollten.