Mathematik hat etwas Traumatisches. Eine eins in Mathe? Fast unmöglich. Je abstrakter es wurde, desto schwieriger. Aber auch das Stapeln von Orangen kann Mathematiker an ihre Grenzen bringen.

Am gemeinsten ist das Nichtsblicken, wenn die Sachen so trivial daher kommen. Thomas Hales zum Beispiel. Er ist ein Mathegenie. Aber die Frage, wie man Orangen am platzsparendsten stapelt, hat selbst ihn an seine Grenzen gebracht.

Grund dafür war Johannes Kepler. Der hat im Jahr 1611 etwas über Kugelstapel geschrieben. Nicht über Orangen, sondern über Kanonenkugeln. Er fand es am effizientesten, sie pyramidenförmig zu stapeln. Und da ist wohl was dran. Schon in der Schule hieß es: besser und effizienter geht es nicht. Aber der Witz ist, dass das immer nur eine Vermutung war. Die Keplersche Vermutung. Niemand konnte sie beweisen.

Das kann kein Mensch verstehen

Dass das seit 400 Jahren niemand getan hat, wurmt Thomas Hales schon seit den 80ern. Neben seinem Job an der Uni legt er also los. Nach ein paar Jahren merkt er, wie kompliziert es ist. Wenn er beweisen will, dass man Kugeln nicht platzsparender anordnen kann als in der kubisch-flächenzentrierten Packung, dann muss er sich Vollzeit diesem Problem widmen.

Irgendwann kommt er drauf. Aber klar ist auch: Das wird kein einfacher Beweis. Vier Jahre arbeitet er daran zusammen mit Kollegen. Und so langsam dämmert ihm: Das kann kein Mensch verstehen. Ich bin der Einzige, der weiß, was da vor sich geht und wie das alles zusammenpasst. Und gerade das ist im Wissenschaftsbetrieb wichtig.

"Und so langsam dämmert ihm: Das kann kein Mensch verstehen. Ich bin der Einzige, der weiß, was da vor sich geht und wie das alles zusammenpasst."
Thomas Reintjes, DRadio Wissen

Um einen Beweis anzuerkennen, muss er in einer Fachzeitschrift publiziert werden. Dafür muss es nachvollziehbar sein. Normalerweise machen das Gutachter. Die erste Rückmeldung an Thomas Hales war: Es sieht im Grunde gut aus, sie sind ziemlich sicher, dass der Aufbau des Beweises Sinn macht. Aber sie brauchten noch mehr Zeit. Dann vergingen Jahre.

"Trotzdem haben dann Mathematiker 2005 seinen Beweis veröffentlicht. Im wichtigsten mathematischen Magazin. Mathematik ist an dem Punkt angekommen, wo sie so kompliziert geworden ist, dass die Mathematiker sie selbst nicht mehr verstehen."
Thomas Reintjes, DRadio Wissen

Die endgültige Rückmeldung der Gutachter: zu 99 Prozent korrekt. Das reicht aber nicht. Doch was kann Thomas Hales tun? Er muss weitermachen - wegen der Besessenheit. Aber diesmal holt er sich Hilfe, damit es nicht dauert, bis er ein alter Mann ist. Mit ungefähr 20 Leuten auf der ganzen Welt arbeitet er zusammen, um den Beweis per Computer verifizieren zu lassen.