Ihr Freund und ihre Schwester bezeichnen Mathilda* intellektuell und sportlich als Powerfrau und Überfliegerin. Als sie im Juli 2017 beim Kitesurfen einen lebensgefährlichen Unfall hat, wird sie gegen ihren Willen wiederbelebt. Bis heute weiß sie nicht, ob sie mit der Behinderung, die sie jetzt hat, überhaupt weiterleben möchte.

Vor ihrem Unfall beim Kitesurfen ist es für Mathilda* kein Problem gewesen, Medizin und Jura gleichzeitig zu studieren und beides mit eins abzuschließen, erzählt Mathildas Schwester Regina. Sie hat sportliche Höchstleistungen erbracht, ist viel gereist, war gleichzeitig neben dem Studium Mitglied in einem Orchester, hatte eine eigne Band, spielt Theater und lernt Arabisch. Ihr Freund Derik sagt, dass sie zwar viel gearbeitet hat, es aber so wirkte, als ob ihr alles zufliege.

Dann passiert im Juli 2017 der Unfall, der Mathildas Leben komplett verändert: Eine Böe ergreift ihren Kite-Schirm, reißt sie in die Höhe. Sie fällt aus mehreren Metern Höhe hinunter und prallt auf den nassen Sandstrand, der hart wie Beton ist.

Im ersten Moment hat sie scheinbar Glück im Unglück: eine DLRG-Rettungsstation und eine Ärztin befinden sich in unmittelbarer Nähe. Mathilda kommt auf die Intensivstation. Ihr Freund und ihre Schwester bangen gemeinsam um ihr Leben.

Rückblickend gibt es ein Problem: Mathilda besitzt eine Patientenverfügung, die besagt, dass keine lebensrettenden Maßnahmen eingeleitet werden sollen. Genau das passiert aber. Nach vielen Operationen und viele Wochen kommt sie langsam wieder zu sich. Aber ihre rechte Körperhälfte bleibt gelähmt.

"Die Vorstellung, einfach ein erfülltes Leben gehabt zu haben und dann einen blöden Unfall und dann zu sterben, ist irgendwie okay. Aber dann nicht so behindert raus zu gehen, wie ich das gerade tue. Das ist halt nicht okay. "
Mathilda, halbseitig gelähmt, nach einem Unfall beim Kitesurfen

Vom ersten Tag an stürzt sich Mathilda in die Reha-Maßnahmen, sie macht den ganzen Tag Übungen, viel mehr als nur mit den Ärzten und Physiotherapeuten. In kürzester Zeit macht sie unglaubliche Fortschritte.

Relativ bald aber kommt Mathilda dann auf ein körperliches Niveau, wo es nicht mehr so schnell weitergeht und sich herausstellt: ihre Vorstellung von der vollständigen Heilung war eine Illusion.

In Mathilda entbrennt ein innerer Kampf. Sie will ihr altes Leben zurück und tut alles erdenklich Mögliche, um Verbesserungen zu erzielen. Andererseits hat sie das Gefühl, dass sie die Kontrolle verloren hat. Sie kann ihre Behinderung nicht ertragen und denkt darüber nach, ob sie Sterbehilfe in Anspruch nehmen soll. In dieser Zerrissenheit will sie sich testen, will wissen, was sie mit ihrem behinderten Körper noch machen kann. Und wie sich das anfühlt, eine der Sachen zu machen, die sie vor dem Unfall so erfüllt haben, zum Beispiel Skifahren. Durch die Behinderung ihrer rechten Körperhälfte kann er nicht das leisten, was Mathilda ihm abfordert. Das frustriert sie oft.

"Das ist ein hilfloser Kampf. Im Grunde genommen bin ich natürlich wahnsinnig traurig, verzweifelt und hilflos. Ich strampele, obwohl ich eigentlich mit meinem Medizinerkopf weiß, dass es eigentlich alles nichts bringt und dann suche ich mir trotzdem jeden Strohhalm. Und versuche daran zu glauben, weil sonst machst du es nicht weiter. Eigentlich liebe ich das Leben ja und will es eigentlich wieder haben!"
Mathilda

Da Mathilda Ärztin ist, hat sie eine klare Vorstellungen davon, was sie noch erwarten kann, welche Verbesserungen noch kommen können - und welches Leben für sie selbst lebenswert ist. Medizinisch gesehen, sagt sie, gibt es nur innerhalb von zwölf bis 18 Monaten Fortschritte bei einem Patienten mit ihrer Behinderung. Deswegen ist jetzt, wo diese Zeit verstrichen ist, der Leidensdruck bei Mathilda extrem groß.

Als unser Autor Christian Rex Mathildas Geschichte hört, ist er besonders beeindruckt davon, wie sehr ihr Freund Derik und ihre Schwester Regina darum kämpfen, dass Mathilda nicht aufgibt. Und das ist auch der Grund, aus dem sie bereit waren, unserem Autoren Christian Interviews zu geben. Deriks Rolle in der Geschichte ist die des starken Partners, der immer da ist – vom Unfall bis hin zur Reha. Derik hat seine lebensgefährlich verletzte Freundin, die ganze Zeit unterstützt. Auch im Interview ist Derik ganz tapfer gewesen, sagt Christian Rex. Nur zum Ende hin, habe er Derik angemerkt, wie schwer im das alles fällt.

* Name auf Wunsch geändert