Als Sohn eines Mosambikaners hat Dennis lange Zeit genug damit zu tun, sich als "Deutscher" zu fühlen und auch so wahrgenommen zu werden. Ost und West - das spielt führ ihn zunächst keine Rolle, obwohl er in Brandenburg geboren und aufgewachsen ist. Das ändert sich, als er zum Studium nach Nürnberg geht: Hier ist er plötzlich der "Ostdeutsche", Differenzierung und Verständnis für die Menschen im Osten erlebt er nur selten. Auch deshalb zieht Dennis bewusst zurück in die Heimat, geht nach Leipzig, um sich für die Interessen der Menschen im Osten einzusetzen und zur Verständigung beizutragen. Wie das aussieht, erzählt er Rahel und Tina im Gespräch.

Mit 28 Jahren hat Dennis Chiponda alias "Chippi" schon einige Ortswechsel hinter sich. Aufgewachsen im brandenburgischen Senftenberg, will er nach dem Abitur nur "ganz schnell weg". Schon während der Abiturzeit ist er viel in Berlin. Er studiert Lehramt in Dresden, bis er merkt, dass er gar kein Lehrer werden will. Er will als Tänzer sein und sein Hobby zum Beruf machen. Für fünf Jahre tourt er durch Europa - tanzt HipHop und Burlesque, wird für Shows in Großbritannien und den Niederlanden gebucht. Bis er mit 25 in London merkt, dass er für das Tanzen so langsam schon zu alt wird. Es folgt eine Sinnkrise.

Während Dennis 2015 in Dresden lebt, fängt Pegida an, zu demonstrieren. Dennis setzt sich für Asylsuchende ein. Und merkte: Das will ich weiter machen. Bis dahin hatte er mit Politik wenig am Hut. Aber irgendwann will er nicht mehr länger in London bleiben und nichts tun. Er bricht das Tänzerleben ab, zieht nach Nürnberg, tritt der SPD bei und fängt ein Politikstudium an. Dennis Ziel: verstehen, worum es wirklich geht. Zurück in den Osten will Dennis zu dem Zeitpunkt nicht: "Weil ich wusste: Im Westen verdient man mehr".

©
Dennis Chiponda in seiner Wohnung in Leipzig.

In Nürnberg ist Dennis "der Ostdeutsche"

Aber auch in Nürnberg fühlt sich Dennis nie so richtig angekommen. Und erst dort wird ihm bewusst, wie viel das mit seiner Herkunft aus Ostdeutschland zu tun hat. Ein einschneidendes Erlebnis hat er schon zu Beginn des Studiums. Denn dort wird abgefragt, wer aus Ostdeutschland kommt. Ein eigenartiger Moment für Dennis.

"Dann siehst du diese Blicke. Ich hab mich einfach voll entblößt gefühlt. Ja, jetzt bin ich wieder der Quoten-Ossi. Und da war ich in dem Moment nicht der Schwarze, sondern der Ossi! Und das war viel unangenehmer als die Blicke als 'Schwarzer' abzubekommen. Weil damit bin ich groß geworden.“
Dennis Chiponda über seine Anfänge beim Studium in Nürnberg

Als Sohn eines mosambikanischen Mechanikers und einer polnischen Friseurin bezeichnet er sich selbst als "Afropole". Er habe sehr lange gebraucht, um seine Identität für sich klären zu können. Doch nach der Zeit in Nürnberg merkt Dennis: Er will zurück in den Osten. Mittlerweile wohnt er in Leipzig. Er wolle sich politisch für die Leute engagieren, deren Mentalität er versteht und deren Biografien er kennt.

Seine Generation hat die DDR-Zeit zwar nicht miterlebt. Dennis glaubt aber, dass sie vor allem durch die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt seien. Viele hätten erlebt, wie ihre Eltern Jobs verloren haben, und viel dafür tun mussten, um die Familie über die Runden zu bekommen. Aus Senftenberg wollte Dennis zwar genau so schnell weg wie viele seiner Freunde. Aber dann begann er, das zu hinterfragen.

©
Dennis Chiponda in seiner Wohnung in Leipzig.
"Und dann fragst du dich, was eigentlich aus deiner Heimat werden soll, wenn der ganze Abiturjahrgang weg ist, der ja eigentlich auch dafür da ist, die Gegend zu beleben. Das war dann schon auch so ein Moment, wo ich dachte: Nee, ich will schon auch den Osten wieder aufbauen'“.
Dennis Chiponda über Gründe für seine Rückkehr

Mehr Auseinandersetzung mit dem Osten

Als Schwarzer, der in Ostdeutschland groß geworden ist, wird Dennis im Westen immer wieder gefragt, wie schlimm das gewesen sein muss. Ihn irritiert das. Er selbst hat seine Kindheit als schön empfunden. Es stimme zwar: Er habe viele unangenehme Erfahrungen gemacht und sei regelmäßig von Neonazis provoziert worden. Doch er habe sich nicht darauf eingelassen. Und gleichzeitig bemerkt, wie viele Menschen bei rassistischen Vorfällen hinter ihm stehen und ihn unterstützen.

Er fordert die Leute deshalb dazu auf, sich intensiver mit dem Osten auseinanderzusetzen. Ihn stört es, wenn Menschen pauschal als "Jammer-Ossis" betitelt werden. Vor allem, wenn das Menschen sagen, die noch nie im Osten waren. Wenn jemand darüber spricht, dass im Osten die Städte wieder schön aufgebaut worden wären, kenne er offensichtlich das Gesamtbild nicht.

"Die Leute sind kaum im Osten gewesen, und meinen aber, ein Bild davon zu haben. Dass es einen Unterschied gibt zwischen Leipzig, Dresden, Berlin und Senftenberg, Görlitz und Templin, das sehen die gar nicht so recht. "
Dennis Chiponda über das Jammer-Ossi-Image

Neben seinem Politikstudium engagiert sich Dennis auch weiterhin politisch und gesellschaftlich. Er und seine Freunde organisieren derzeit eine Diskussionsreihe, bei der Menschen mit unterschiedlichen Meinungen miteinander ins Gespräch kommen sollen. Dennis hat sich dem Osten verschrieben und will helfen, dass die Probleme der Menschen dort besser verstanden werden.

Warum er zum Beispiel findet, dass es mehr Menschen wie ihn im Osten geben müsste, das hört ihr im Podcast zur Serie – im Feed der Ab 21. Das Mauerfall-Special könnt ihr die gesamte Woche verfolgen. Vom 4. bis 9. November berichten Tina Howard und Rahel Klein hier, auf Instagram, im Grünstreifen, in Ab 21 und als Podcast.