Wenn in der Arztpraxis das gesundheitliche Problem zur Lappalie kleingeredet wird, kann das Medical Gaslighting sein. Unsere Reporterin Fanny Buschert beschreibt das Problem, die angehende Medizinerin Fanny Bartsch kennt es aus der Praxis. Sie hat sich auch überlegt, wie es sich vermeiden lässt.

Symptome und Beschwerden, die von ärztlicher Seite runtergespielt werden? Das kann zu fehlerhafter Behandlung führen. Der Ausdruck Medical Gaslighting beschreibt dieses Phänomen. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Fanny Buschert nennt Beispiele: Wenn starke Schmerzen abgetan, oder Symptome pauschal auf Stress oder die Psyche geschoben werden. Sie sagt: "Bei Medical Gaslighting geht es um Situationen, in denen Patient*innen das Gefühl haben, nicht gehört zu werden."

Besonders bei Krankheiten, deren Symptome uneindeutig sind, berichten Patientinnen und Patienten davon. Bei Long Covid oder auch dem chronischen Erschöpfungssyndrom beispielsweise. Auch Menschen mit kaum erforschten Erkrankungen seien häufiger von Medical Gaslighting betroffen, sagt Fanny Buschert – sie nennt die Erkrankung Endometriose und sagt: "Da gibt es viele Erfahrungsberichte von Patient*innen, deren Beschwerden als normal und nicht so schlimm abgetan werden."

Auch sind bestimmte Gesellschaftsgruppen von dem Phänomen eher betroffen. Für zwei ist das dokumentiert:

  • Untersuchungen in den USA zeigen, dass bei Frauen häufig Herzerkrankungen später diagnostiziert werden als bei Männern. Vermutlich, weil die Symptome bei den Frauen erstmal unterschätzt werden.
  • People of Colour erhalten in den USA meist eine schlechtere medizinische Behandlung als nicht-PoCs. Vorurteile und Voreingenommenheit seien in der Medizin also nachweisbar und können Medical Gaslighting begünstigen.
"Im Kern steckt bei Medical Gaslighting eigentlich immer: Patient*innen fühlen sich nicht ernstgenommen und als Folge davon nicht angemessen medizinisch behandelt."
Fanny Buschert, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Für Johannes Schenkel ist Zeitmangel während der medizinischen Behandlung und Diagnosestellung ein Teil des Problems. Er leitet die Unabhängige Patientenberatung Deutschland.

"In einem sehr durchökonomisierten Gesundheitssystem spielt einfach der Faktor Zeit eine große Rolle. Das haben viele nicht. Das sind leider oft die Rahmenbedingungen."
Johannes Schenkel, medizinischer Leiter, Unabhängige Patientenberatung Deutschland

Um Medical Gaslighting zu entgehen sei ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient*innen und Behandelnden ausgesprochen wichtig, findet Fanny Buschert. Und sie sagt: "Wer sich nicht ernstgenommen fühlt, der hat auf jeden Fall Handlungsspielraum."

Offene Kommunikation als Gegenmittel

Johannes Schenkel empfiehlt grundsätzlich Probleme im Zusammenhang mit der Behandlung offen und klar anzusprechen. Gegebenenfalls lasse sich eine Zweitmeinung einholen. Als weitere Möglichkeit bleibe eine Beschwerde bei der Ärztekammer.

Er weist allerdings auch darauf hin, dass es nicht für jede medizinische Beschwerde auch eine Diagnose gibt. Auch die Unabhängigen Patientenberatung Deutschland bietet eine kostenfreie Beratung an.

"Das erste, das wir eigentlich immer empfehlen ist, dass das offene Gespräch gesucht werden sollte."
Johannes Schenkel, medizinischer Leiter, Unabhängige Patientenberatung Deutschland

Während ihres medizinischen Praktikums hat Fanny Bartsch erlebt, wie Vorurteile gegenüber Frauen und die Vorverurteilung bestimmter kultureller und ethnischer Gruppen einer zielgerichteten medizinischen Behandlung im Weg stehen können. Sie hat das überwiegend bei Ärzten beobachtet, weniger bei Ärztinnen und sagt: "Das fand ich jedes Mal sehr befremdlich."

Fanny, ist angehende Ärztin und interessiert sie sich für psychische Gewalt und ihre Folgen
© Alexander Puchta
Fanny Bartsch ist angehende Ärztin und kennt das Phänomen Medical Gaslighting
"Als Praktikantin habe ich Erfahrungen mit Medical Gaslighting gemacht. Da gab es Vorurteile gegenüber Geschlechtern, gegenüber kulturellen, ethnischen Gruppen."
Fanny Bartsch, angehende Medizinerin

Andererseits hat sie auch erlebt, dass ein Arzt in der Geriatrie sich trotz des Zeitdrucks viel Zeit für Patientinnen und Patienten genommen hat. Er hat sich die Zeit für individuelle Therapieziele genommen. Die angehende Ärztin möchte später in einer allgemeinmedizinischen Hausarztpraxis arbeiten.

Unvollständige Fehlerkultur

In ihrem Beruf wünscht sie sich mehr Bereitschaft Unwissenheit einzugestehen. Dadurch entstünden manche vermeidbaren Fehler erst. Fehlerkultur komme schon in der Theorie zu kurz. Die routinierte Umsetzung in die Praxis sei in der Medizin noch in ziemlich weiter Ferne.

"Manche Patienten wollen vielleicht mit ihrem Knie keinen Halbmarathon mehr laufen, aber sie wollen die Fünfkilometerrunde mit ihrem Hund ohne Schmerzen laufen können."
Fanny Bartsch, angehende Medizinerin

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In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Fanny Buschert, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin \\ Teil 1
  • Christine über ihre Erfahrung mit Medical Gaslighting
  • Fanny Bartsch, kennt als angehende Ärztin das Phänomen Medical Gaslighting
  • Fanny Buschert, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin \\ Teil 2
  • Ab 21
  • Moderator:  Dominik Schottner
  • Gesprächspartnerin:  Fanny Buschert, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
  • Gesprächspartnerin:  Fanny Bartsch, angehende Ärztin