Impulskontrolle ist für viele von uns ein Fremdwort. Wir posten, kommentieren, teilen - leider häufig, bevor wir nachdenken. Das führt zu einem Dauerreizklima. Vor allem online. Doch es gibt Wege daraus.

Das ist nur ein Fall von vielen. Es ist mitten im US-Wahlkampf 2016 - die ganz heiße Phase. Hillary Clinton besucht eine Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie ist krank, geht aber trotzdem hin. Mittendrin merkt sie: Sie schafft es nicht. Clinton muss die Veranstaltung früher verlassen. Als sie auf ihren Wagen wartet, bricht sie zusammen. Ein Moment der Schwäche, der mit dem Handy gefilmt und geteilt wird - von einem ihrer Anhänger. "Wir filmen und teilen, um zu verarbeiten. Manchmal auch aus einem Moment der Überforderung heraus“, sagt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Es ist ein Moment, der schnell öffentlich wird. Medien berichten, Spekulationen vor Recherche.

"Ich weiß, dass ich nichts weiß - das ist wichtiger denn je!"
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen

Das ist eines von vielen Mustern, welche unser Miteinander prägen. Wir spekulieren, ohne zu wissen. Wir teilen, ohne den Kontext dessen zu verstehen, was wir da teilen. Und wir glauben, durch ein kurzes Video einen komplexen Sachverhalt verstanden zu haben. Also können wir es auch kommentieren. Schließlich gilt ja Meinungsfreiheit!

"Politiker sollen Kaiser und Kumpel sein. Das ist eine Schizophrenie des Anspruchs."
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen

"Die Folge ist eine neuartige Asymmetrie von Ursache und Wirkung", sagt Pörksen. Kleine Verfehlungen oder Schwächen führen zu extremen Konsequenzen. Eine Frau verliert ihren Job und ihre Existenzgrundlage, weil sie einen geschmacklosen Witz postet. Oder eine schottische Schule wird zum Hassobjekt, weil sie verhindern will, dass eine Schülerin über das schlechte Essen der Schulkantine bloggt. 

Verfehlung und Konsequenz passen irgendwie nicht ganz zusammen. Das Verwirrende: Dahinter steht ganz häufig das Bedürfnis nach Orientierung. "Wir sehnen uns nach Gewissheit", sagt Bernhard Pörksen.

"Wir haben eine Hype-Kultur, die zu einer Verschiebung führt."
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen

In Eine Stunde Talk erzählt er von solch verstörenden Geschichten, den Mustern dahinter und warum er mit Alice Weidel und Alexander Gauland nicht sprechen möchte.