Über kein Thema wurde in den letzten Monaten so intensiv in den Medien berichtet wie über Corona und die Folgen der Pandemie. Medienwissenschaftler Klaus Meier hat die Berichterstattung seit März untersucht. Er vermisst vor allem eines: Vielfalt.

Das Corona-Virus und seine Folgen ist seit spätestens März in den Medien omnipräsent. Doch vielfältig ist die Berichterstattung nicht, findet Klaus Meier. Er ist Professor für Journalistik an der Universität Ingolstadt-Eichstätt und hat zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Vinzenz Wyss die Berichterstattung über Corona untersucht.

Die vier Phasen der Pandemie

Klaus Meier sagt, die Berichterstattung ist in den letzten Monaten sehr dynamisch gewesen. Um die heutige Situation besser einschätzen zu können, unterteilt er die Pandemie und die Berichterstattung in vier Phasen ein.

Erste Phase: Viele Defizite und wenig Meinungsvielfalt

Als erste Phase bezeichnet Klaus Meier den Zeitraum von Beginn der Pandemie bis Mitte März. In dieser Zeit seien von den Medien im Grunde alle Maßnahmen der Politik und die Ratschläge der Virologen ohne Kritik und ohne eigene Recherche verkündet worden. Diese erste Phase ist verständlich gewesen, sagt er. Denn die Botschaft "Flatten the Curve" hätte vermittelt werden müssen.

Zweite Phase: Lockdown

Ab Mitte März hätte man jedoch erwarten können, dass die Medien die getroffenen Maßnahmen kritischer beleuchten und analysieren, was vorgefallen ist. Auch eigene Recherchen hätten nun angestrengt werden müssen. Das sei aber noch nicht passiert, meint Klaus Meier. Immer noch wäre die Berichterstattung einseitig geblieben.

Dritte Phase: Lockerungen und Vielfalt

Vielfältiger wurde es in den Augen von Klaus Meier erst ab Ostern. Ab dem Zeitpunkt sei eine Debatte erkennbar gewesen. Medien hätten nicht mehr nur Entscheidungen der Politiker verkündet, sondern auch Fragen gestellt. Zum Beispiel, wie Lockerungen aussehen und welche Sinn machen könnten. Diese Phase würde sich noch bis heute hinziehen.

Vierte Phase: Proteste

Ergänzt wird die Berichterstattung durch die Abbildung von Protesten und Verschwörungstheorien. Auch hier sei eine Entwicklung zu beobachten: Kamen anfangs nur Verschwörungtheoretiker zu Wort, so gebe es langsam auch Berichterstattung über die sogenannten "Hygiene-Demonstrationen".

    "Wissenschaft ist Kritik. Eine Studie von Kollegen zu kritisieren ist in der Wissenschaft völlig normal. In den Medien aber führt es zu negativen Schlagzeilen - wie es Christian Drosten passiert ist."
    Klaus Meier, Professor für Journalistik an der Universität Ingolstadt-Eichstätt

    Die erste Phase, in der distanzlos übernommen wurde, was Politiker und einzelne Virologen verkündet haben, sei zwar verständlich gewesen - hätte aber auch nicht länger andauern dürfen, so Klaus Meier. Man habe zu lange zu einseitig berichtet. Das sei ein Fehler gewesen, den die meisten Medien begangen hätten.

    Klaus Meier sieht vor allem den Umgang mit einzelnen Virologen, die zu Medienstars stilisiert wurden, kritisch. Denn Wissenschaft funktioniere anders als Medien: Wenn in der Wissenschaft eine Studie kritisiert wird, ist das normal und wichtig. Passiert das in den Medien sorgt es vor allem für negative Schlagzeilen.

    Was fehlt: Vielfalt

    Klaus Meier kritisiert vor allem die Einseitigkeit, die er bei den meisten Medien in den letzten Monaten beobachtet habe. Es wurden die Meinungen von Politiker und Virologen abgebildet - doch kaum Forschende aus anderen Wissenschaften wurden gehört. Psychologen, Soziologen oder auch Kommunikationsforscher hätten die Debatte vielfältig gemacht und kritisch ergänzt.

    Das Gleiche gilt auch für Konsumenten: Je vielfältiger sich jemand informiert, desto besser. Am besten sollten Rezipienten viele verschiedene Quellen nutzen und sie auch kritisch hinterfragen. Gerade wenn es sich um alternative Quellen handelt, die nicht dem professionellen Prüfmechanismus des Journalismus unterliegen.

    Erkenntnisse für die Berichterstattung

    Klaus Meier hat für die Medien auch Empfehlungen. Wichtig sei es, Panikmache zu vermeiden. Dafür sollten Formulierungen wie "zweite Welle" oder "soziale Distanz" gestrichen werden. Generell gilt: Metaphern, die Angst machen, helfen nicht weiter.

    Stattdessen sollten Medien lieber konstruktive Wege aufzeigen, wie man mit dem Virus leben kann. Außerdem wichtig: Einzelfälle nicht zu weit verbreiteten Strukturen zu erklären. Das bedeutet auch, nicht nur einzelne Wissenschaftler in den Fokus zu nehmen oder einzelne Studien als allgemeingültig herauszustellen, sagt Klaus Meier. Hier ist die richtige Einordnung gefragt.