Schmerzmittel, Blutdruck- und fiebersenkende Medikamente, Hustenlöser: In den Apotheken fehlt es an vielen Arzneimitteln. Manche sind schon seit Monaten nicht lieferbar. Die Lieferwege sind aber nur ein Problem.

Die Infektionszahlen steigen, die Medikamente zur Behandlung gängiger Infektionskrankheiten aber sind rar. Apothekerin Barbara Grätz kann derzeit kaum einer Kundin das Medikament geben, das sie sie braucht. Vor allem Medikamente für Atemwegserkrankungen fehlen. Die Apothekerin versucht Alternativen für ihre Kund*innen zu finden. Doch das bedeutet auch, dass viele von ihnen wieder ein neues Rezept besorgen oder auf ihre Medikamente warten müssen.

"Gestern war wieder ein schlimmer Tag, an dem wir kaum einem Kunden sein Rezept einfach so beliefern konnten."
Barbara Grätz, Apothekerin in Düsseldorf

So wie Barbara Grätz geht es zurzeit vielen Apotheker*innen in Deutschland. Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte listet rund 300 fehlende rezeptpflichtige Medikamente auf – viele Experten gehen aber davon aus, dass es noch viel mehr sind, sagt Vivien Leue aus der Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion. Denn der Medikamentenmangel offenbart ein strukturelles Problem.

Corona, Krieg in der Ukraine, blockierte Lieferwege

Die Medikamente, die in Deutschland ankommen, haben meist einen kleinteiligen Produktionsprozess und einen langen Lieferweg hinter sich. In den vergangenen Jahren wurde beides durch die Pandemie und die dadurch ausgerufenen Lockdowns blockiert. Seit Februar 2022 erschwert der Russland-Ukraine-Krieg zusätzlich die Versorgung mit verschiedenen Rohstoffen.

"Durch die Blockaden der Lieferwege kommt es generell zum Rohstoffmangel – zum Beispiel fehlte im Sommer Papier für die Verpackungen der Medikamente."
Vivien Leue, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenreporterin

Durch geschlossene Chemiewerke in China wurden bestimmte Chemikalien, die für einige Medikamente nötig sind, während der Lockdowns überhaupt nicht hergestellt. Aber es kann auch an anderer Stelle haken. So fehlte es im Sommer 2022 durch den Russland-Ukraine-Krieg an Papier für die Verpackungen der Medikamente.

Laut Vivien Leue zeigt sich an dieser Stelle: Wenn in einem Produktionsprozess, der sich über mehrere Länder erstreckt, irgendwo ein Problem auftritt, dann steht das gesamte System unter Druck.

"Wir kennen das auch aus anderen Branchen: Um Kosten zu sparen, werden Produktionen ins Ausland verlagert, wo etwa die Lohnkosten niedriger sind."
Vivien Leue, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenreporterin

Die Medikamentenversorgung in Deutschland ist zu großen Teilen von China und anderen asiatischen Ländern abhängig. Denn dort werden die Medikamente billiger produziert – und Deutschland sei nicht bereit, den Preis für Medikamente zu zahlen, den es kosten würde, sie hier zu produzieren. Das liegt auch am deutschen Gesundheitssystem, erklärt Vivien Leue.

Denn die Kosten im Gesundheitssektor steigen seit Jahren. Die Gesellschaft wird älter und braucht somit mehr medizinische Versorgung. Neue Therapien sind oft noch teurer. Gleichzeitig erhalten die Krankenkassen aber nicht mehr Beiträge. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass es sogar weniger werden. Deshalb wurde die Preispolitik der Krankenkassen immer strikter.

"Zehn Zäpfchen Paracetamol dürfen im Verkaufspreis 1,17 Euro kosten, und da sind noch 19 Prozent Mehrwertsteuer drin. Für dieses Geld kann kein Mensch der Welt diese Zäpfchen produzieren."
Regina Waerder, Apothekerin

Auch in den Apotheken wird dieses Problem deutlich. Apothekerin Regina Waerder erklärt es am Beispiel von Paracetamol: Seit Jahren werden in Deutschland patentfreie Medikamente, wie Fieberzäpfchen, mit einem Festbetrag abgerechnet, der sich auch in Zeiten gestiegener Preise nicht verändert. Dabei hat sich der Herstellungspreis für Paracetamol innerhalb eines Jahres um 70 Prozent erhöht. In der Folge sind viele Hersteller von Paracetamol-Produkten vom Markt verschwunden – es lohnte sich einfach nicht mehr. Diese Produkte fehlen jetzt.

Fokus: Sparen

Hinzu kommt, dass viele Krankenkassen "Rabattverträge" mit den Herstellern geschlossen haben. Das bedeutet, dass sie sich an einen Hersteller binden, wenn dieser ihnen zusagt, das Produkt zu einem günstigeren Preis zu verkaufen. Diese Sparpolitik führte auch dazu, dass Hersteller sich nicht halten konnten – und die Medikamente in den Apotheken nun fehlen.

  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartnerin:  Vivien Leue, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten