Wer krank zu Felizitas Leitner in die Arztpraxis geht, bekommt kein Rezept verschrieben, sondern Gedichte.

Nach Felizitas Leitners Beobachtung ist die Behandlung von Krankheiten in Deutschland viel zu sehr auf das rein Medizinische ausgerichtet. Die seelische Verarbeitung, die Krankheit zu akzeptieren und mit ihr fertig zu werden, komme zu kurz. In ihrem Vortrag erzählt sie, wie ihre Patienten Trost oder Bestätigung in Versen gefunden haben. Die Bedeutung ihrer Vorgehensweise werde noch deutlich zunehmen, glaubt die bayerische Ärztin.

"Man wird zur Lyrikmassage gehen, zur Poesie-Rückenschule oder ganz einfach ein Buch in die Hand nehmen."

Zwischen Gedicht und Krankheit, so die Referentin, existieren viele Parallelen. Beides verlangt eine intensive Zuwendung, eine nach Hintergründen fragende Analyse und auch beides betrifft uns höchstpersönlich.

Verbalisierte Leiden

Gedichte haben zudem das Potenzial, Emotion und Verstand zusammenzuführen. Leiden werden in Gedichten verbalisiert und Sachverhalte ausgedrückt, für die wir im Alltag keine Worte mehr finden. Daher können Gedichte helfen, eine Auseinandersetzung mit Krankheiten in Gang zu bringen. Dazu gehört auch dieser schwarzhumorige Vierzeiler.

"Neben mir nieste der Sterbende. Ich sagte: 'Gesundheit'. Er sagte: 'Danke!'"
Axel Kutsch, Schriftsteller

Kutsch bricht mit einem Tabu, indem er über eine lebensbedrohliche Krankheit scherzt. Solche Situationskomik kann Schwerkranke zum Lachen bringen. Felizitas Leiter erläutert in diesem Kontext, dass wir derzeit eine Medizin erleben, die uns mit Präventionsdiagnostik und Therapieangeboten überschüttet, aber kaum mehr Raum bietet, um den Umgang mit der Krankheit zu lernen.

Unter dem Titel "Poesie als Therapie" hat sie am 6. Mai 2015 im Technoseum Mannheim innerhalb der Reihe "Herzblut - Geschichte und Zukunft der Medizintechnik" vorgetragen.