Der Erste Weltkrieg. Verletzte, Sterbende in Lazaretten und an der Front, Giftgasangriffe, katastrophale Hygiene-Zustände, Seuchen. Für die Medizin wurde der Krieg zu einem riesigen Experiment - und zu einer Bewährungsprobe. Wolfgang Uwe Eckart erforscht das Verhältnis von Medizin und Krieg. Da geht bis zum Krieg gegen den Patienten.

Eine Redaktionskonferenz von Verena von Keitz.

Wolfgang U. Eckart skizziert den Krieg als Extremsituation für die Medizin: In Deutschland gab es an die zwei Millionen Tote und mehr als doppelt so viele Verletzte und Versehrte, viele von ihnen dauerhaft geschädigt, blind, taub, ein- und mehrfach amputiert oder nervenkrank. An der Heimatfront gab es mindestens 400.000 Hungertote, die Zahl der Opfer von Tuberkulose muss erheblich gewesen sein.

Leiden im Krieg, die Medizin profitiert

Der Weltkrieg war aber auch eine Gelegenheit für die Medizin, eine "grandiose Möglichkeit" für die damaligen Spitzenärzte Forschung zu betreiben. Das schreibt Eckart: "Zweifellos wurde der Krieg von vielen Ärzten der damaligen Zeit als ungeheures Erfahrungsreservoir für die Medizin auf nahezu allen ihren Gebieten aufgefasst." Nur ein Beispiel: Auf Kosten zehntausender Soldaten mit Kopfschuss-Verletzungen schrieb die deutsche Hirnforschung eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

"Viele meinen, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Ich bin da ganz anderer Meinung: Wir hätten auch ohne Kriege vielleicht sogar mehr entdecken können als durch Kriege."
Wolfgang Uwe Eckart

"Medizin und Krieg - Deutschland 1914-1924" heißt das neue Buch von Eckart. Es ist unter anderen Eckarts Großvater Max gewidmet, der als Soldat in Verdun gekämpft hat und nach dem Krieg nie wieder auch nur ein Wort über seine Erlebnisse verlor. Im Buch geht es um die Leiden der Menschen im Ersten Weltkrieg. Und wie sich die Medizin während dieser Zeit entwickelte.

Weltkriege und medizinische Himmelfahrtskommandos

Eigentlich wollte Eckart Zahnarzt werden. "Etwas studieren, wo man viel Geld verdient", sagt Wolfgang U. Eckart. Ein langweiliges Praktikum beim Zahnarzt später war dieser Wunsch Vergangenheit. Medizin studierte er trotzdem, an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster fand er seine Begeisterung für die Medizingeschichte. Heute leitet er das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Heidelberg.

Sein Schwerpunkt sind die beiden Weltkriege und die medizinischen Himmelfahrtskommandos der Kolonialzeit. Kurz gesagt: Medizin und Krieg.

Ein deutscher Sanitätstrupp hilft verwundeten Soldaten während des 1. Weltkriegs. Mulden im Gelände waren oft Sammelstellen für Verwundete.
© dpa
Ein deutscher Sanitätstrupp hilft verwundeten Soldaten während des 1. Weltkriegs.