Aus Scham wird das Thema Sex von Ärzten und Patienten oft einfach ausgelassen. Deswegen werden auch sexuell übertragbare Krankheiten später erkannt als nötig. Ein neuer Pflichtkurs für Medizinstudenten an der Uni Lübeck soll das ändern.

Ärzte gelten in der Regel als supersouverän und sind auch gut darin, unangenehme Fragen zu stellen, um eine Diagnose zu erstellen. Allerdings wissen viele von ihnen nicht, wie sie mit ihren Patienten über deren Sexleben reden sollen. Sie fragen aus Scham nicht nach oder denken bei bestimmten Symptomen gar nicht an sexuell übertragbare Krankheiten. 

Nicht alle Augenärzte denken bei einer Bindehautentzündung beispielsweise an Tripper. Und laut einer US-Studie wird etwa jede fünfte HIV-Infektion zu spät erkannt, weil der Arzt nicht die richtigen Fragen gestellt hat.

"Wir bilden ja alle möglichen Mediziner aus. Wenn wir es erreichen, dass die ab und zu innehalten und sich überlegen, kann es etwas damit zu tun haben, wäre wahrscheinlich schon viel erreicht."

Mit dem entsprechenden Vokabular umzugehen, die richtigen Worte für Sexpraktiken zu finden und ein vorurteilsfreier Umgang mit den Patienten fällt leichter, wenn diese Gesprächssituationen vorher geübt werden. Und genau darum geht es im Kurs "Let's talk about Sex".

"Und was war das für ein Geschlechtsverkehr, der ungeschützt war? War das anal oder oral?"
Medizinstudenten üben ein Gespräch über Sex

In Rollenspielen lernen die Studierenden, wie sie nachfragen, wenn sie vermuten, dass der seit Jahren verheiratete Patient eine Geschlechtskrankheit haben könnte. Oder wie sie eine 65 Jahre alte Patientin auf sexuelle Praktiken ansprechen, ohne dass die vor Scham im Boden versinkt. 

Das englischsprachige Ausland ist weiter

Gerade mal sechs deutsche Unis bieten das Kommunikationstraining an oder wollen es künftig tun. Dass angehende Ärzte lernen, mit ihren Patienten behutsam, offen und ohne Vorurteile über ihr Sexleben zu sprechen, kommt im Lehrplan für Medizinstudenten eigentlich gar nicht vor. So komme ein wichtiger Teil der Diagnostik zu kurz, sagt Jan Rupp. Anders ist es im Ausland. 

"Im englischsprachigen Raum gibt es durchaus Kliniken für sexuell übertragbare Erkrankungen, das heißt, dann muss man die Leute auch dementsprechend ausbilden. Hier fehlt das ein bisschen."
Jan Rupp, Chef der Klinik für Infektiologie und Mikrobiologie an der Uni Lübeck

Hinter dem Kurs "Let’s talk about Sex" stecken unter anderem die Deutsche Aidshilfe und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Verband der privaten Krankenkassen gibt Geld dazu. Medizinstudentin Julia Hartmann findet den Kurs gut – sie ist froh, so heikle Gespräche im Studium proben zu können: "Ich fand es nicht unangenehm. Die Herausforderung war, dass man den anderen nicht verprellt oder einschüchtert."

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