Die eigenen vier Wände sollten eigentlich ein sicherer Ort sein. Doch es gibt Menschen, die zuhause besonders gefährdet sind. Vor über einem Jahr wurden vier Bewohner des Oberlinhauses in Potsdam von einer Pflegerin umgebracht, eine weitere schwer verletzt. Neue Handlungsempfehlungen sollen Menschen mit Behinderung vor Gewalt schützen.

Es war eine Tat, die ganz Deutschland schockierte: Am 28. April 2021 töte eine Pflegerin vier wehrlose Bewohner des Behindertenwohnheims des diakonischen Trägers Oberlinhaus in Babelsberg. Sie griff die Bewohner auf ihren Zimmern mit einem Messer an und verletzte sie tödlich. Eine weitere Person überlebte schwerverletzt. Der inzwischen verurteilten Pflegerin wurde eine schwere Persönlichkeitsstörung attestiert.

"Ein System, das strukturelle Gewalt fördert"

Für Menschen mit Behinderungen gebe es in Einrichtungen so gut wie keinen Schutz, sagt Alina Buschmann. Sie ist Beraterin für Inklusion und Antidiskriminierung und Mitgründerin der Plattform Angry Cripples. Beurteilen könne sie das aber nur aus Expertinnensicht, ergänzt sie. Dass wir nicht mit einer Person, die es tatsächlich betreffe, sprechen, zeige ja schon, wie abgeschottet diese Einrichtungen tatsächlich sind.

"Aus meiner Perspektive würde ich sagen, dass so gut wie kein Schutz in Einrichtungen besteht."
Alina Buschmann, Beraterin für Inklusion und Antidiskriminierung

Es sei eine Frage des Systems, sagt Alina. Menschen mit Behinderungen hätten oft gar nicht die Wahl zu entscheiden, wo sie leben wollen. Ambulante Pflege werde meist nicht bereitgestellt. Sie müssen dann in einer Einrichtung wohnen, in denen sie abhängig sind vom Pflegepersonal. Was wir als Gesellschaft noch nicht reflektiert hätten, sei, dass in einem solchen System, in dem ein gewisses Machtgefälle besteht, strukturelle Gewalt begünstigt werde.

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Unser System fördere den Ableismus und damit die strukturelle Diskriminierung von behinderten und chronisch kranken Menschen. Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, hat jetzt Handlungsempfehlungen vorgestellt, die Betroffene vor mehr Gewalt schützen sollen. Doch darin stehe nichts, was gegen den Ableismus getan werden soll, zeigt Alina sich etwas enttäuscht.

Überhaupt hat sie gemischte Gefühle, was die Handlungsempfehlungen angeht. Zwar sei sie froh, dass Themen wie mehr Selbstbestimmung aufgegriffen würden, auf der anderen Seite würden Werkstätten-Systeme weiter ausgebaut statt abgebaut, obwohl das sogar von den Vereinten Nationen empfohlen wurde.

"Von Wohneinrichtungen in die Schulen und dann anschließend in die Werkstatt für behinderte Menschen. Wenn eine behinderte Person da drin ist, ist es superschwer dort herauszukommen."
Alina Buschmann, Beraterin für Inklusion und Antidiskriminierung

Wohneinrichtungen und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen seien eingeschlossene Sonderwelten. Betroffene hätten kaum eine Chance, aus diesem System mit seinen schwierigen Bedingungen herauszukommen. Zum Beispiel gebe es in den Werkstätten keinen Mindestlohn.

Mehr Teilhabe und bessere Arbeitsbedingungen

Alina wünscht sich mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderungen. Zum Beispiel selbstbestimmtes Wohnen, ambulante Pflege, aber auch die Einbindung in den Arbeitsmarkt. Unternehmen sollten beispielsweise bessere Arbeitsbedingungen schaffen, damit hier mehr Menschen mit Behinderungen arbeiten können.