Wenn Patient*innen psychologische Hilfe suchen, müssen sie oft lange auf ein Gespräch mit eine*r Psychotherapeut*in warten – meistens Monate. Laut einer neuen bundesweiten Erhebung sind die Wartezeiten bei mehr als der Hälfte der Fälle drei Monate und länger.

Immer wieder berichten Betroffene davon, wie schwer es ist, einen Therapieplatz in Deutschland zu bekommen. Journalist*innen vom rbb haben deshalb versucht, herauszufinden, wie lange es tatsächlich dauert und was die Probleme dabei sind.

"Nach der ersten Vorrecherche hatten wir zwei sehr unterschiedliche Zahlen gefunden", sagt Journalist Haluka Maier-Borst, der Teil des Rechercheteams ist. Laut der Krankenkasse Barmer Ersatzkasse würden nur bei 16 Prozent der Betroffenen acht oder mehr Wochen zwischen psychotherapeutischer Sprechstunde und Therapiebeginn verstreichen.

"Die einen sagen, dass du meistens in acht Wochen oder weniger einen Therapieplatz kriegst. Die anderen sagen zwölf Wochen und mehr, das ist die Regel."
Journalist Haluka Maier-Borst über die Wartezeit für Psychotherapieplätze

Dagegen habe die Bundespsychotherapeutenkammer ganz andere Zahlen geliefert, wonach "rund 40 Prozent der Patient*innen mindestens drei bis neun Monate auf den Beginn einer Behandlung" warten müssten.

Daten aus rund 170 Praxen

Um herauszufinden, wie lange Betroffene nun tatsächlich warten müssen, hat das Rechercheteam eine Telefonumfrage bei Psychotherapiepraxen in ganz Deutschland gestartet. In die Auswertung flossen Daten von rund 120 Praxen ein. Für die Analyse in Berlin und Brandenburg waren es mehr als 50 Praxen.

Das Team stellte beispielsweise folgende Fragen:

  • Wie lange muss man bei ihnen auf eine erste Sprechstunde warten?
  • Wie lange muss man danach auf einen Therapieplatz warten?
  • Wie viele Patientinnen hatte die jeweilige Praxis im letzten Quartal?

"Als wir die Daten ausgewertet hatten, kamen wir zu dem Schluss: Was die Barmer-Krankenkasse sagt, deckt sich kein bisschen mit dem, was wir sehen", sagt Haluka Maier-Borst.

Lange Wartezeiten eher Regel als Ausnahme

Das Ergebnis ihrer Recherche: Betroffene müssen zwölf Wochen zwischen erstem Vorgespräch bis zum Beginn der Therapie warten. "Es sind sogar achtzehn Wochen, wenn man auch noch beachtet, dass man die erste Sprechstunde nicht sofort bekommt, sondern darauf auch noch warten muss", sagt Haluka Maier-Borst.

Das Team hat die Barmer Ersatzkasse mit ihrem Ergebnis konfrontiert. Dort glaube man nicht, dass Psychotherapeut*innen verlässlich sagen könnten, wie lange Betroffene bei ihnen auf einen Platz warteten. Die Krankenkasse gehe davon aus, dass die Wartezeit überschätzt würde, berichtet der Journalist.

"Uns erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass lange Wartezeiten die Ausnahme sind oder nur zustande kommen, weil Patient*innen sich schwierig anstellen, sie scheinen die Regel zu sein."
Journalist Haluka Maier-Borst über die Wartezeit für Therapieplätze

Laut eigener Umfragen der Krankenkasse müssten vor allem solche Patient*innen lange warten, die sich von einer bestimmten Therapeutin oder einem bestimmten Therapeuten behandeln lassen wollen.

Bei der Frage nach Wartezeiten hat das Team aber auch gefragt, wie lange es dauern würde, wenn Betroffene keine Einschräkungen hinsichtlich Terminen oder Therapeut*innen machten.

Die Gründe für die langen Wartezeiten

Aus den Rechercheergebnissen haben sich zwei mögliche Gründe für die langen Wartezeiten ergeben, die das Team besonders bemerkenswert findet:

  • "Zum einen ist es unfassbar schwierig, überhaupt einen Überblick zu bekommen", sagt Haluka Maier-Borst. "Man muss für Therapieplätze meistens Praxis für Praxis abtelefonieren, um zu wissen, wer noch freie Plätze hat und ab wann."
  • "Zum anderen macht die Verteilung der Therapieplätze keinen Sinn, weil psychische Erkrankungen überall etwa gleich häufig auftauchen.", sagt er. "Es gibt sicher etliche Landstriche, in denen es einfach zu wenige Therapeut*innen mit Kassenzulassungen gibt. Andere Regionen haben dagegen das Mehrfache an Therapeut*innen pro Kopf."

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