Für die Protestaktion von Messdienerinnen und Messdienern gegen Kardinal Woelki in Rom hat es viel Lob und auch Kritik gegeben. Messdiener Yannick Gran war mit dabei und erzählt, wie es vor Ort war.

Gruppe für Gruppe stehen sie von ihren Stühlen auf, drehen sich um, drehen ihrem Prediger vorne am Altar demonstrativ den Rücken zu oder verlassen die Basilika Sankt Paul vor den Mauern.

Der Prediger am Altar ist der umstrittene Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Der Erzbischof vom Erzbistum Köln steht seit Jahren wegen der schlechten Aufarbeitung des jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln stark in der Kritik.

Als er bei einer Messe am Montagabend (03.10.2022) in Rom vor rund 2.000 Messdiener*innen aus seinem Erzbistum eine Predigt hält, kommt es zu der Protestaktion. Einer der Messdiener, die gegen Woelki demonstriert haben, ist Yannick Gran. Er ist Messdienerleiter im Kirchengemeindeverband "Heumarer Dreieck". Er steht weiter hinter der Aktion – wie auch seine Gemeinde.

Deutschlandfunk-Nova-Moderation Anke van de Weyer hat mit Yannick Gran darüber gesprochen, wie es zu der Protestaktion kam, wie die anderen Messdiener*innen darüber denken und wie der Kölner Erzbischof reagiert hat.

"Viele in unserer Heimatgemeinde unterstützen uns"

Anke van de Weyer: Yannick, wie ist die Idee zu dieser Aktion entstanden?

Yannick Gran: Wir hatten uns das im Vorhinein überlegt, als die Planung für Rom losging und wir gehört hatten, dass die Eröffnungsfeier mit Kardinal Woelki stattfinden soll. Darauf hatten wir keine Lust.

Wir haben uns dann gefragt, was wir machen: Gehen wir raus? Das war uns aber zu schade – gerade eine Messe in Sankt Paul vor den Mauern erlebt man nur ein Mal und sonst nie wieder. Also haben wir beschlossen, dass wir das nicht machen.

Wir haben uns überlegt, was wir stattdessen machen. Als wir am Montag in Sankt Paul vor den Mauern waren, kamen dort mehrere Gruppen auf uns zu, die gesagt haben: "Wir haben vor, bei der Predigt aufzustehen, uns umzudrehen und ihm den Rücken zuzukehren." Für uns war schnell klar, dass wir da mitmachen und das unterstützen. In der Kirche haben wir dann weitere Gruppen angesprochen, um mehr Leute zu finden, die mitmachen möchten.

Wie haben die Menschen, die ihr angesprochen habt, reagiert?

Du musst immer höllisch aufpassen, weil viele Woelki-Anhänger mit dabei sind wie auch viele Woelki-Gegner. Man muss immer gucken, dass man die richtigen Leute trifft. Das merkt man aber nach den ersten zwei Sätzen schon: "Wie findet ihr es, dass Herr Woelki dabei ist?" Danach weiß man recht schnell, wie die Leute so ticken.

Die Woelki-Gegner fanden die Aktion eigentlich cool, waren sich aber unsicher, wie man das machen soll, wie man einfach aufstehen soll. Das sind wir als Messdiener in der Kirche ja gar nicht gewöhnt. Normalerweise stehst du mit am Altar und bist voll mit dabei. Jetzt sollst du ihm auf einmal den Rücken zudrehen. Das ist eine ganz andere Situation.

Wie aufgeregt warst du, als die Predigt losging und klar war, gleich kommt der Moment, wo ihr alle aufsteht?

Für uns war das erst mal ein komisches Gefühl, weil es für uns nicht normal ist, jemandem den Rücken zu zukehren. Letzten Endes war es so, dass nur zwei aufgestanden sind. Da hatte man noch nicht den Mut, würde ich sagen, sich dazu zu stellen. Sie haben sich dann auch wieder hingesetzt.

Nach drei, vier Minuten sind die nächsten Gruppen aufgestanden. Sie haben wahrscheinlich – so wie wir auch – diskutiert, ob sie mit machen oder nicht. Nach und nach kamen immer mehr dazu, dass man irgendwann ein Gemeinschaftsgefühl hatte und sich gegenseitig stärken konnte, in dem, was man gerade macht.

So war es dann auch bei uns in der Gruppe. Jeder konnte sich aber frei entscheiden, was er macht. Das war schön – jeder konnte seine eigene Meinung vertreten.

Wie hat Woelki selbst darauf reagiert?

Nicht so, wie wir es uns erhofft hatten. Als die Ersten standen, hat er noch normal weiter gepredigt. Als dann aber wirklich ein Schwall von Leuten mitgemacht hat – die sich hingestellt haben und teilweise rausgegangen sind – hat Woelki seine Predigt recht schnell unterbrochen. Und ist, glaube ich, auch von dem abgewichen, was er uns erzählen wollte. Er hat uns dann wortwörtlich gesagt "Jesus hat nie jemandem den Rücken zugekehrt." Mit anderen Worten hat er damit gesagt, dass es total falsch sei, was wir machen.

Ich glaube, das ist das, was unsere Message seien sollte: Woelki dreht eigentlich uns den Rücken zu und geht nicht mehr auf uns zu. Er macht, was er will.

Er hat auch gesagt, dass das, was ihr gemacht habt, eigentlich am falschen Ort passiert sei. Eine Kirche während einer Predigt sei der falsche Ort, um Kritik zu äußern. Was sagst du dazu?

Ein Protest in einer Kirche ist sicherlich nicht üblich. Allerdings finde ich die Form, die wir gewählt haben – einen stillen Protest – angemessen für das, was passiert ist. Wir waren leise, wir haben uns hingestellt. Denjenigen, die der Predigt folgen wollten, haben wir das nicht verwehrt. Als die Predigt vorbei war, haben wir uns auch ganz normal zum Glaubensbekenntnis mit dazu gestellt und die Messe weiter verfolgt.

Ich würde sagen, uns kann man keinen Vorwurf machen, dass wir ein Zeichen gesetzt haben und aufgestanden sind. Wir waren trotzdem voll und ganz bei der Messe mit dabei.

Ihr seid ihr gerade in Italien unterwegs. Habt ihr die Reaktionen mitbekommen, die es auf eure Aktion in den vergangenen Tagen gab?

Ja, kurz danach kamen die ersten Pressemeldungen raus und dann kamen direkt viele Nachrichten – auch von Gemeindemitgliedern aus unserer Heimatgemeinde. In denen stand, dass wir das toll gemacht hätten und sie uns voll und ganz unterstützen würden.

Unser leitender Pfarrer rief mich vorgestern noch an und sagte, wir sollten uns keinen Kopf machen, das wäre vollkommen richtig gewesen, was wir gemacht haben. Wir dürften ruhig stolz auf uns sein, dass wir unsere Meinung gezeigt haben.

Aber man merkt auch die Gegenposition. Es gibt auch Gruppen hier, die Woelki-Anhänger sind und mit uns nicht viel zu tun haben.

  • Moderatorin:  Anke van de Weyer
  • Gesprächspartner:  Yannick Garn, Messdienerleiter beim Krichengemeindeverband Heumarer Dreieck im Erzbistum Köln