Die Zahl der Flüchtlinge, die in der EU ankommen, ist in den letzten Jahren stark gesunken. Aber die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist stark gestiegen - sie war letztes Jahr fast dreimal so hoch wie 2016. Die meisten von ihnen kommen aus Marokko. Unsere Korrespondenten Marc Dugge und Jens Borchers haben Jugendliche getroffen, die fliehen möchten und zu ihrer Situation in Spanien recherchiert.

Spanien hat in den vergangenen Monaten Italien als wichtigstes Ankunftsland für Migranten abgelöst. Außerdem ist die Zahl der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen enorm gestiegen. Besonders Katalonien im Nordosten Spaniens ist Anlaufstelle. Dort wurden in diesem Jahr mehr als 3300 unbegleitete Jugendliche registriert - rund doppelt so viele wie im vergangenen Jahr.

Meist kommen die jungen Männer aus Marokko. Einer, der auch gerne nach Spanien will, ist Mohammed - unser Korrespondent Jens Borchers hat ihn in der marokkanischen Hafenstadt Tanger getroffen.

"Ich glaube, dort ist es besser als in Marokko. Dort bringen sie dich in einem Zentrum unter, kleiden dich, geben dir zu essen, unterrichten dich. Hier in Marokko sind die Jugendzentren wie Gefängnisse, da wirst du misshandelt. Es gibt nicht genug zu essen."
Mohammed

Jens Borchers sagt: Oft hat die Flucht der jungen Marokkaner wirtschaftliche Gründe. Denn viele von ihnen finden keinen Job. Dazu komme: "Sie kriegen von Freunden, die schon drüben - in Spanien oder anderen europäischen Ländern sind - Fotos geschickt." Positive Fotos, die zeigen würden, wie toll es in Europa sei.

Warten am Hafen

Mohammed zu finden war überhaupt nicht schwer, berichtet unser Korrespondent. Dort am Hafen in Tanger würden viele Jugendliche sitzen - manche um die 15 Jahre alt, manche auch schon Mitte 20.

Obwohl ihnen klar sei, dass die illegale Fahrt im Schlauchboot oder einem LKW sie das Leben kosten kann, warten sie auf irgendeine Gelegenheit, weg zu kommen.

Laut Zahlen der Internationalen Organisation für Migration sind von Januar bis Dezember diesen Jahres 681 Menschen bei dem Versuch, nach Spanien überzusetzen, umgekommen.

"Wenn man versucht, mit einem Schleusernetzwerk überzusetzen, kostet das viel Geld: Da muss man zwischen 1000 und 2000 Euro bezahlen."
Jens Borchers, ARD-Korrespondent für Marokko

Die gefährliche Überfahrt schreckt viele nicht ab. Mohammed, so berichtet Jens Borchers, schlägt sich wie andere auch auf der Straße mit Gelegenheitsjobs durch, in der Hoffnung, ein bisschen Geld zusammenzubekommen. Die Schleuser sind für Mohammed zu teuer. Sein Plan werde es eher sein, sich auf einen LKW zu schmuggeln und zu hoffen, so auf eine Fähre zu kommen, vermutet Jens Borchers.

Endstation Spanien?

Doch für diejenigen, die es nach Spanien schaffen, erfüllen sich ihre Träume nicht immer. Ein wichtiger Faktor bei der Ankunft ist das Alter, berichtet unser Korrespondent Marc Dugge: Denn volljährige Marokkaner könnten prinzipiell direkt zurückgeschickt werden. Minderjährige kommen aber zunächst in die Obhut der Verwaltung, sie bekommen im Idealfall eine Unterkunft und gehen zur Schule.

"Sie hoffen, dass sie in Katalonien ankommen, dass sie dort dann versorgt werden und dann, wenn sie eine gewisse Zeit dort sind, einen legalen Aufenthaltstitel haben."
Marc Dugge, ARD-Korrespondent für Spanien

Wie es den Jugendlichen dann wirklich im Alltag geht - ohne Familie, weit weg von zu Hause - das wollte Marc Dugge wissen. Eine Sozialarbeiterin hat ihm erzählt, dass viele von ihnen sich zwar äußerlich als harte Burschen geben - nachts aber anfangen zu weinen oder mit ihrer Mutter sprechen wollen.

Tatsächlich hätten einige auch den Wunsch, wieder zurück nach Marokko zu gehen. Doch das ist gar nicht so einfach, erklärt unser Korrespondent: Marokko muss einen entsprechenden Antrag überprüfen, das kann lange dauern. "Das ist für viele junge Menschen auch eine teilweise bittere Erkenntnis."