Restaurants, Clubs, Cafés… alle zu in der Pandemie. Eine Folge davon: "Was soll ich nur anziehen?", die bange Frage vor dem Kleiderschrank, wird seltener gestellt. Denn uns sieht ja sowieso kaum jemand. Der Modetheoretikerin Barbara Vinken gefällt das gar nicht.

Die Jogginghose erfreut sich in Coronazeiten großer Beliebtheit. Ein bisschen klaut sie uns damit auch zusätzliche Lebensfreude, sagt die Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken. In ihrem Buch "Angezogen" beschreibt sie Mode als "Fremdkörper im Herzen der Moderne". Sie sei nicht sparsam, sondern verschwenderisch. Mode wolle nicht überzeugen, sondern verführen.

"Wir sind auf Entzug. Der Blick der anderen fehlt uns in dieser Zeit schon sehr."
Barbara Vinken, Modetheoretikerin

Die Krise habe uns davon entwöhnt, den Blicken der anderen ausgesetzt zu sein. Sie glaubt, dass die meisten Leute diesen Wegfall des öffentlichen Raums als schmerzhaft wahrnehmen. Wir seien auf Entzug, die Blicke der anderen fehlten uns. Vielleicht hätten wir auch ein bisschen verlernt, uns selbst zu sehen – weil man die Leute mit Mund-Nasen-Schutzmaske nicht so stark wahrnehme.

"Hunger nach dem Blick der anderen"

Doch Barbara Vinken ist optimistisch: Langsam, aber sicher, machten ja die Straßencafés wieder auf. Kaum komme die Sonne raus, gebe es ein "einziges Schaulaufen". Viele Leute brezelten sich jetzt auf, es gebe einen wahren "Hunger nach dem Blick der anderen". Der ein bisschen verlotterte Jogginghosen-Look, glaubt sie, gehe in Kürze wieder ganz schnell zurück, weil sich die Menschen dann wieder daran gewöhnen würden, im öffentlichen Raum spazieren zu gehen.

"Ich denke, dass wir schärfer denken, wenn wir schärfer geschnittene Sachen tragen."
Barbara Vinken, Modetheoretikerin

Barbara Vinken versucht, auch im Home Office gut gekleidet zu sein. Sie geht davon aus, dass wir "schärfer denken können, wenn wir schärfer geschnittene Sachen tragen". Wir sollten also so angezogen sein, dass wir das Gefühl haben, den Blicken der anderen begegnen zu können.

Gut gekleidet auch daheim

Die Jogginghose gehöre da nicht zu ihrem bevorzugten Repertoire, sie habe gar keine (Karl Lagerfeld hätte sich gefreut). Zuhause ziehe sie oft etwas Warmes an, zum Beispiel schwarzes Kaschmir. Das sei "sehr, sehr schön und fühle sich auch so an". Weich, warm, der Haut schmeichelnd – es seien natürlich vor allem auch sinnliche Werte, die nicht vom Blick abhängig sind wie etwa der Schnitt der Kleidung.

"Die weiten 'Marlene-Dietrich-Hosen' haben was – das ist so Fourties. Und die werden bleiben. Weil sie elegant sind."
Barbara Vinken, Modetheoretikerin

Die weiten "Marlene-Dietrich-Hosen", die sich wieder vermehrt beobachten lassen, hätten nichts mit der Pandemie zu tun. Dass wir jetzt also gern auf gemütlichere Wohlfühlschnitte zurückgreifen, sei ein Trend, der sich bereits vor zwei Jahren angebahnt hätte.

Comeback der "Marlene-Dietrich-Hosen"

Abgesehen davon seien sie eine schöne Alternative zu den ewigen Skinny-Jeans. Barbara Vinken glaubt, dass uns die weiten Hosen lange erhalten bleiben. Und zwar nicht – oder nicht nur – weil sie bequem sind, sondern weil sie sehr elegant sind und interessante Erinnerungen wachrufen.